Dienstag, 15. April 2014

Cancel my subscription to the resurrection!

Ostern ist das Fest der Auferstehung. Dieses Fest ist grün - grün wie der Doppelpunkt.
Bekanntlich ist Grün die Farbe der Hoffnung, des Frühlings, des Erwachens, des Kommenden, des jungen sich noch Entwickelnden: der Grünschnabel ist grün hinter den Ohren.
Im Islam ist Grün die Lieblingsfarbe des Propheten und symbolisch aufgeladen wie im Christentum: im Paradies erwarten die Gläubigen grüne Felder und Wälder, in der Hölle ist es rotglühend heiß - und blutrot sowieso.

Es verwundert nicht, dass Grün im christlichen Kontext die Farbe der Auferstehung und damit die Osterfarbe schlechthin ist. Think: Gründonnerstag! Der überkonfessionelle bio- und mythologische Hintergrund der Farbe Grün erklärt auch, warum laut Adorno, der mit der Auferstehung bekanntlich nichts am Hut hat, der Doppelpunkt nicht anders als grün sein kann.
In seinem Text über Satzzeichen (Akzente, 1956) schlägt Adorno eine scheinbar  synästhetische Wahrnehmung der Interpunktion vor: „ Ausrufungszeichen sind rot, Doppelpunkte sind grün (...).“ Aber natürlich bietet Adorno im Handumdrehen eine materialistische Einsicht: "Alle (Satzzeichen) sind Verkehrssignale, am Ende wurden diese ihnen nachgebildet." Während das rote Rufzeichen „Achtung!" schreit, fordert der grüne Doppelpunkt die LeserInnen zum weiterlesen auf: freie Fahrt der Gedanken. Wie in einem früheren Post bereits ausgeführt, hat der Maoismus versucht, diesen Verkehrsampel-Code aufzubrechen, weil schließlich Rot die Farbe der Revolution sei; im Maoistischen Denken musste der Doppelpunkt daher rot statt grün sein.

Das Vergnügen, Adorno zu lesen speist sich nicht zuletzt aus Schadenfreude daran, dass in Adornos  dialektisch-materialistischen Einsichten seine Lust am Form- und Fabulieren mit ihm durchgeht, sodaß man sein wildes Denken unter der unerbittlichen Analyse der Sache, um oder gegen die er kämpft, genießen kann.
In seinem Satzzeichen-Text vergleicht Adorno z.B. Fragezeichen mit einem "Augenaufschlag"; ein Semikolon hat für ihn starken "Wildgeschmack“ und über Gänsefüßchen lästert er im Stabreim: „Dummschlau und selbstzufrieden lecken sich die Anführungszeichen die Lippen“. 

Achtung! Versuchen Sie zu vergessen, was sie soeben gelesen haben, sonst werden Sie nie wieder selbst ein Wort "zitieren" oder in einem fremden Text ein Zitat in Anführungszeichen lesen können, ohne an "Dummschlau leckende Lippen" zu denken!!!!!!!
Ist Ihnen bei Streifzügen in Adorno-Texten je ein Rufzeichen untergekommen? Eigentlich sollte (Ihnen/ihm) das nicht passiert sein, denn  Ausrufungszeichen sind nach Adorno "drohend gehobene Zeigefinger" und in aufgeklärten Zeiten "unerträglich geworden als Gebärde der Autorität, mit der der Schriftsteller von außen her einen Nachdruck zu setzen versucht, den die Sache nicht selbst ausübt“ - und einen erhobenen Zeigefinger hat Adorno nie nötig.

P.S: Die anti-österliche Zeile "cancel my subscription to the resurrection" stammt von den Doors (When the Music's Over), Adorno hätte Jim Morrisons Absage an die Auferstehung zugestimmt, der Musik der Doors wäre er jedoch ganz bestimmt nicht grün gewesen.

Samstag, 22. März 2014

Päpstlicher als der Papst – Wikipedias semiotischer Murks mit Marx.




Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz; kaum fängt man an, darüber nachzudenken, schon kommt man vom Hundertsten ist Tausendste. Vom Friedhof, der Kirche und den  Diskussionen um das christliche Kreuz in öffentlichen Schulen und Gerichten kann  man zum Roten Kreuz, zum Schwarzen Kreuz, dem Plus (+) oder dem „mal“ (x) der Mathematik kommen. Wenn Österreicher jammern, sie hätten „ein Kreuz mit dem Kreuz“, dann haben Sie Rückenprobleme. Die Österreichische Politik kennt das Kreuz mit dem "recht-winkeligen" Hakenkreuz, das man öffentlich nicht tragen darf, obwohl wir alle nach der bekannten Metapher ohnehin unser Kreuz tragen müssen.
„Wo kann ich denn hier meine 3 Kreuzerl machen?“ stöhnen wir, wenn wir ein unübersichtliches Formular mit unseren Namen signieren sollen. Ein Kreuz nach dem Namen einer Person () bedeutet, dass sie verstorben ist und hoffentlich in Frieden auf dem Friedhof ruht, sonst muss der Vampirjäger Van Helsing kommen, um die unruhigen Untoten mit seinem Kruzifix zurück in die Gräber zu scheuchen.
Wenn wir als Kinder die Wahrheit schwören sollten, aber trotzdem „wie gedruckt“ gelogen haben, haben wir die Finger hinter unserem Rücken gekreuzt, damit der Schwur nicht gilt. In andern Ländern ist dieselbe Geste positiv besetzt; man sagt „I’ll keep my fingers crossed“ wenn man jemandem „die Daumen halten“ will.
Offenbar entzieht sich selbst eine so einfache Struktur wie zwei einander überschneidende kurze Linien jeder vorschnellen semiologischen Fixierung: zwei gekreuzte Striche können je nach Kontext und Kreuzungs-Winkel beinahe beliebig viele unterschiedliche Bedeutungen vermitteln.
Die beiden Linien müssen sich nicht einmal im Winkel von 90 Grad schneiden, um ein Kreuz zu bilden, auch ein X ist ein Kreuz, wenn auch das Römische X aus zwei aufeinander stehenden „V“ (für  2 x 5) entstanden sein mag. Drei „XXX“ können demnach „30“ bedeuten, aber ebenso für „XXX-tra Large“ oder XXX  – Rated“ stehen.
Musik- und Literaturwissenschaftler denken im Zusammenhang mit einem Kreuz vielleicht an den unglücklichen Siegfried, dem das Kreuz auf seinem Gewand den Tod gebracht hat, weil es seinem Mörder die einzige Stelle bezeichnet hat, an der Siegfrieds Drachenblutpanzer durchstoßen werden konnte.[1] Bei Siegfrieds Geburt sind die Sterne vermutlich schlecht gestanden, „Born under a Bad Sign“, wie Cream 1968 auf Wheels of Fire singen, mit der unvergesslichen Zeile: „if it wasn't for bad luck, I wouldn't have no luck at all.”
Unfassbares Glück hatte hingegen Kaiser Konstantin in einer Schlacht, die bereits verloren schien. Im Jahre 312 nach Christus (wie selbst Atheisten heute sagen, ohne sich viel dabei zu denken) ist ihm entweder im Traum oder während der Schlacht ein „himmlisches Zeichen“ erschienen. Der Kirchenhistoriker Eusebius berichtet, es habe sich um ein leuchtendes Kreuzzeichen am Firmament gehandelt, darunter sei die aufmunternde Botschaft „En toutō nika“ zu sehen gewesen, die üblicherweise mit „in hoc signo vinces“ (= in diesem Zeichen sollst Du siegen) übersetzt wird.[2]
Die Einzelheiten dieser semiotischen Anekdote sind umstritten, fest steht jedoch, dass Konstantin die Schlacht gewonnen und damit zum Siegeszug des Kreuzzeichens im Abendland beigetragen hat. Hätte er die Schlacht verloren, wäre das Kruzifix als Symbol des gekreuzigten Christus vielleicht schon längst vergessen oder noch immer tabu, stattdessen finden wir es sogar im 21. Jahrhundert in Bereichen, wo es schon längst fehl am Platz ist, z.B. in der deutschen Version von Wikipedia.
Wikipedia verwendet wie viele andere Nachschlagewerke ein Kreuzzeichen () hinter dem Namen von Personen, um anzuzeigen, dass die fragliche Person verstorben ist. Die religiöse Herleitung dieses Codes ist klar: Christus sei am Kreuz gestorben (wenn auch nicht ganz), deswegen wird ein kleines als Zeichen für „verstorben“ verwendet (vielleicht auch als tröstlicher Hinweis auf die kleine Chance der Wiederauferstehung).
Nach einer ähnlichen Konvention wird ein Sternchen  (*) als Zeichen für Geburt gebraucht. In der lateinisch-griechischen Bezeichnung „Asterisk“ steckt der Hinweis, dass dieses Zeichen tatsächlich einen kleinen Stern („asteriskos”) darstellen soll. Über den „Stern von Bethlehem“, der Christi Geburt angekündigt habe, hinaus, kann man im Asterisk eine vorchristliche Assoziation erkennen. Die Astro-logie (Sternenkunde), die sich mit der magischen Bedeutung der Sterne und Sternbilder für das Leben der Menschen beschäftigt, ist viel älter als die Theo-logie des Monotheismus.
Bei dem Wikipedia-Eintrag über Kaiser Konstantin mag die religiös-semiotische Einrahmung seiner Lebensdaten noch akzeptabel erscheinen, bei vorchristlichen Philosophen wie Platon oder Aristoteles, die lange vor der konstantinischen Etablierung des Kreuzzeichens gestorben sind, erscheinen diese Codes absurd. Auffällig ist, dass in den anderen Sprachen, in denen ich Wikipedia überprüft habe, dieser ohnedies redundante Zeichengebrauch nicht vorhanden ist, natürlich auch nicht in der hebräischen Version, aber das sollte sich ja von selbst verstehen.
Vermutlich internen Regeln der Zeichensetzung folgend gibt der deutsche Wiki-Eintrag z.B. zu Papst Johannes Paul II. die Lebensdaten so an:  (*1920 - †2005). Diese für die deutsch-österreichische Wikipedia typische ideologisch-ikonische Verdoppelung findet man nicht einmal in den spanischen und italienischen Wiki-Versionen, die traditionell christliche Kulturen ansprechen. Italienische und spanische Wiki-Einträge enthalten nur die einfache Angabe von Geburts- und Sterbejahr, die im Kontext eines biographischen Eintrags ohnehin nichts an semiotischer Klarheit zu wünschen übrig lässt. Es ist bemerkenswert, dass gerade die deutschsprachige Wikipedia systematisch päpstlicher als der Papst ist und die Geburts- und Sterbedaten aller Personen mit (* - †) rahmt und semiotisch redundant verstärkt.

Das Stern-von-Bethlehem-Sternchen und das Kruzifix finden wir logischerweise (= der deutschen Wiki-Logik der Zeichensetzung folgend) bei den deutschen Wiki-Einträgen zu jüdischen Rabbis, fundamentalistischen Mullahs, zum erleuchteten Buddha und natürlich auch zu Karl Marx (*5.Mai 1818 in Trier † 14. März 1883 in London), von dem immerhin das berühmte Diktum stammt „Sie [die Religion] ist das Opium des Volkes“[3] Alle von mir aufgerufenen nicht-deutschsprachigen Wiki –Einträge kommen hingegen bei Marx  und allen anderen Menschen ohne opiatische Sternchen und Kreuzerl aus. Marx würde sich im Grab umdrehen, wenn er den deutschen Wikipedia – Eintrag über sich selbst sehen könnte: Kruzifix nochamal!
P.S.: Bekanntlich sind die französischen Revolutionäre mit ihrem Versuch, den Kalender an der Geburtsstunde (oder doch Renaissance) der Demokratie auszurichten, gescheitert. Mehr als 200 Jahre nach der Aufklärung wäre es längst an der Zeit, unsere Zeitrechnung anstatt auf die Geburt des Menschensohns(?) auf ein seltenes  und eindeutiges astronomisches Ereignis auszurichten, es muss  ja nicht unbedingt der Stern von Bethlehem sein.




[1] Mit diesem Kreuzzeichen trug Siegfried sozusagen seine Achillesferse auf der Schulter.
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_der_Milvischen_Br%C3%BCcke
[3] Marx-Engels-Werke, Band 1: Einleitung „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, Seite 378.

Samstag, 17. November 2012

Venus und die Voodoo-Puppe


In der Praxis ist Voodoo ganz einfach: wir nehmen eine Puppe, die dem Menschen nachgebildet ist, dem wir schaden wollen, und stecken eine oder mehrere Nadeln hinein – basta! 
Zeichentheoretisch ist die Angelegenheit komplizierter. Wenn wir Voodoo-Puppen semiotisch verstehen wollen, müssen wir zusätzlich zu den Saussure’schen Begriffen signifiant und signifié auch die wirkliche Welt in die Zeichentheorie aufnehmen. Wir machen dazu einen Umweg über die Venus, der sich aus mehreren Gründen lohnt.

You don’t have to be a rocket scientist - man muss nicht Semiotiker sein, um auf die Idee zu kommen, dass bestimmte Zeichen (wie z.B. Eigennamen) nicht nur aus zwei Aspekten, Teilen oder Polen bestehen, sondern aus drei. Die Saussure’sche Unterscheidung zwischen signifiant und signifié erklärt zwar, dass man beim gesprochenen oder geschriebenen Zeichen /Venus/ eine formal-signifikante und eine inhaltlich-signifizierte Ebene unterscheiden kann, lässt aber keinen Platz für die wirkliche Venus, die als Stern vom Himmel leuchtet.
Die anderen wirklichen Venusse (? – es gibt meines Wissens keine Mehrzahl), die Venus neben mir, die Bilder der Venus, die an den Wänden der Museen hängen, und Venus Williams lassen wir vorerst weg; die semiotische Sterndeuterei ist auch ohne sie kompliziert genug. Konzentrieren wir uns auf den Planeten als das mit dem Zeichen gemeinte und daher verbundene reale Objekt. Damit wir wissen, ob wir vom Objekt oder vom Konzept sprechen, müssen wir uns auf einen Begriff einigen, mit dem wir nur die realen Objekte, die von Zeichen bezeichnet werden, bezeichnen (ja, das sind die Tücken der Metasprache).
C. S. Peirce würde den Planeten Referent nennen, was im Kontext der englischen Sprache relativ leicht  zu verstehen ist: der Planet Venus ist das Objekt, auf den sich das Zeichen Venus referentiell bezieht (engl: to refer to).
Der deutsche Semiotiker, Semantiker und Logiker Gottlob Frege hat für die bezeichneten Objekte hingegen den Ausdruck Bedeutung vorgeschlagen und damit viel zur babylonischen Sprachverwirrung beigetragen.

Laut Frege wäre das reale und sinnlich wahrnehmbare Objekt, das ich meine, wenn ich Venus sage, die (Achtung anti-intuitiv!) Bedeutung des Zeichens Venus. Die Bedeutung im Sinne Freges ist ein sinnlich wahrnehmbarer Gegenstand. Es wäre im Sinne einer Eselsbrücke vielleicht sinn-voller gewesen, den sinnlich wahrnehmbaren Aspekt des Zeichens Sinn zu nennen, aber bleiben wir bei der historisch erfolgreichen terminologischen Konvention Bedeutung = Objekt: wir können das Objekt bei gutem Wetter und entsprechender Konstellation der Umlaufbahn am Abend und am Morgen sinnlich am Himmel wahrnehmen. Wenn Venus am Abend nach Sonnenuntergang sichtbar wird, nennen wir sie Abendstern, wenn sie am Morgen wieder vor der Sonne auftaucht, nennen wir sie Morgenstern. Von der Erde aus gesehen ist der Planet Venus immer in der Nähe der Sonne, er geht mit ihr auf und unter, daher können wir ihn nur in der Dämmerung und nie z.B. um Mitternacht sehen.

Im alten Weltbild der griechischen Mythologie ist der Gedanke manifest, dass es sich bei Abend- und Morgenstern um zwei unterschiedliche Planteten handeln müsse. In der Antike heißt der Abendstern Hesperos, wovon sich – über das lateinische vespera - das deutsche Vesper (Abendgebet, Abendessen) ableitet. Der vor der Sonne aufgehende Morgenstern wurde Phosphorus  genannt, der Lichtbringer oder Lichtträger, - lateinisch Lucifer.
Da es sich trotz aller konzeptuellen und konnotativen Unterschiede zwischen Abendstern und Morgenstern, zwischen Hesperos und Phosphorus um dasselbe physische Objekt handelt, sagt Frege: die Bedeutung von Abendstern und Morgenstern ist dieselbe, der Sinn ist nicht derselbe. 

Ein perfektes Beispiel, um den Begriff der Bedeutung zu illustrieren,  – aber eben nur fast: manchmal ist nämlich der Merkur Abend- und Morgenstern. In diesen Fällen gilt zwar: „die Bedeutung von "Abendstern" (Merkur) und "Morgenstern"(Merkur) ist „dieselbe“, aber es gilt auch: Die Bedeutung von „Abendstern und Morgenstern (Venus)“ ist nicht dieselbe wie die Bedeutung von „Abendstern und Morgenstern (Merkur)“.
Wenn ich die astronomischen Quellen im Netz richtig deute, dann fungiert derzeit noch die Venus als Morgen- und Abendstern; Ende November wird dann Merkur ihre Rollen für ein paar Tage übernehmen.

Zurück zur Voodoo-Puppe: Es ist wichtig zu wissen, was jeweils die konkrete Bedeutung im Sinne Freges ist, schließlich müssen wir die Voodoo-Nadel in die richtige Puppe stechen, wenn wir die Venus (und nicht den Merkur) treffen wollen.  

Montag, 12. November 2012

The Torture Never Stops: Nachtrag zu Eisernen Jungfrau



Als Soundtrack zur Dracula-Sisyphusarbeit beim Bügeln der sündigen Seelen mit dem gezähnten Cadeau habe ich immer an Frank Zappas Verlies der Verzweiflung (Dungeon of Despair) gedacht, in dem grüne Schmeissfliegen herumschwirren und ein übereifriger Gehilfe hechelnd den großen Blasebalg (the giant fire puffer) betätigt.

Flies all green 'n buzzin'
In this dungeon of despair 
Prisoners grumble and piss their clothes
And scratch their matted hair 
A tiny light from a window hole
A hundred yards away
Is all they ever get to know
About the regular life in the day


Das Fenster im Verlies ist nicht dazu gedacht, dass die Verdammten hinaussehen sondern dass die Seligen, die im Himmel frohlocken, bei den Höllenqualen zusehen können. Thomas von Aquin hat schon im 13. Jahrhundert davon geschwärmt, dass das Zusehen bei der ewigen Qual der Verdammten eine der größten Erbaulichkeiten sei, die der Himmel zu bieten habe. 

And it stinks so bad the stones been choking
And weepin' greenish drops 
In the room where the giant fire puffer works
An the torture, the torture, the torture never stops 
The torture never stops.

Freitag, 9. November 2012

Man Ray, die eiserne Jungfrau und Draculas Bügeleisen

Ich habe heute am Vormittag gemeinsam mit der Biochemikerin Renee Schröder und dem Bühnenbildner Maximilian Fliessbach ein Bild gemalt. Es ist ein buntes Triptychon geworden, in das ich eines meiner Lieblingszeichen gemalt habe: Dracula's  Bügeleisen, wie ich es nenne, ein Bügeleisen mit bluttriefenden Zähnen.

Wer sich ein biss-chen(!) in der Historischen Avantgarde umgeschaut hat, weiss, dass nur das Blut von mir stammt. Die Idee, ein Bügeleisen  mit Nägeln zu bestücken, habe ich von Man Ray, der dieses Ray-  di - made (sic) zuerst der Kunstwelt vor den Latz geknallt hat. 
Man Rays provozierende (= Gedanken und Reaktionen hervorrufende) Montage zeigt, wie schnell aus alltäglichen Dingen Zeichen werden können oder zumindest Formen, von denen wir vermuten, dass sie ein Sinn haben (sollen) und daher Zeichen sind.
Verfolgen  wir den Weg vom Ding zum Zeichen.
Dinge stehen zuerst einmal für sich selbst. Ein Bügeleisen ist ein Bügeleisen ist ein Bügeleisen, bis es für jemanden / von jemandem zum Zeichen gamcht wird.  Nägel sind Nägel, bis sie mit Bedeutung aufgeladen werden. 

Es ist naheliegend, Bügeleisen und Nägel als Zunft-Zeichen zu verwenden, die das Handwerk re-präsentieren, bei dem sie eine Rolle spielen. Bügeleisen könnten als Zeichen für eine Schneiderei verstanden werden, Nägel als Zeichen für einen Tischler. Diese Beispiele zeigen auch, dass man für eine repräsentative (ins gegenwärtig präsente Bewusstsein rufende) Funktion eher Gegenstände zum Zeichen machen wird, die möglichst repräsentativ (stellvertretend als Alleinstellungsmerkmal) sind, wie etwa Nadel, Faden und Schere für einen Schneider und einen Hobel für den Tischler.

Hobel und Schere sind ebenso wie ein Bügeleisen praktische Werkzeuge, aber wofür steht dieses mit Nägeln bestückte Unding, das keinen praktischen sondern nur mehr zeichenhaften Wert zu haben scheint? Die Irritation wird durch die Montage ausgelöst: ein heißes Bügeleisen mit kalten Nägeln.

Dazu kommt, dass Man Ray dem Werk den Titel Cadeau (Geschenk) gegeben hat. Wem schenkt er dieses Monstrum(m)? Den Büglerinnen, damit sie die weißen Hemden Ihrer Ausbeuter und die schwarze Spitzenunterwäsche der AusbeuterInnen zerfetzen? Den SadistInnn? Den KunstfreundInnen?

Bei manchen Triathlons bekommen die Teilnehmerinnen ein Erinnerungs- T-Shirt, auf dem ein Bügeleisen (engl. iron) abgebildet ist, als Zeichen, dass man ein IRON-Man bzw. eine IRON-Woman ist.  
Von der iron woman, der Eisenen Lady ist es nicht weit zur eisernen Jungfrau, dem euphemistischen Ausdruck für eine der grausamsten Foltermaschinen. 
Die eiserne Jungfrau ist eine weibliche Statue, die innen hohl und mit Stacheln bewehrt ist. Das Opfer, meist ein Ketzer oder eine Hexe, wird in diesen Hohlraum gesteckt. Dann schließt man die Jungfrau mit Gewalt (eine Art umgekehrter Vergewaltigung einer - hier im übertragenen Sinn - eisernen Jungfrau) und die Stacheln/Zähne dringen ins Fleisch des darin gefangenen Menschen ein, der wie in einer Vagina Dentata penetriert wird.
Ich habe bei  Man Ray's Cadeau immer schon an Draculas Bügeleisen gedacht und mir vorgestellt, wie er diesem Bügeleisen in der Hölle werkt. Der Graf ist dazu verdammt, die Sünden aus den Seelen der Verdammten zu bügeln, eine Sisyphus-Aufgabe, mit der er sein untotes Leben lang nie fertig wird.
Im Jahr 2009 habe ich in der Schweiz an der Hochschule der Künste in Bern eine Installation gemacht, in der Draculas Bügeleisen in Zeitlupe über den Sündenpfuhl fährt. Ich habe die Aktion Undead End genannt, weil sie am Ende einer unterirdischen Sackgasse (=dead end) aufgebaut war. Es war eng, finster und stickig. Das Video kann die Stimmung nur annähernd wiedergeben, in Wirklichkeit war die ganze Sache jenseitig und unheimlich. Hier der Link:
Undead End







Dienstag, 6. November 2012

Hermann Nitsch und der Tag der Fahne


Der Mensch ist ein animal symbolicum und kann - im Gegensatz zu anderen Tieren - Zeichen und Symbole verwenden, um seine Wünsche und Bedürfnisse zeichenhaft auszuleben, anstatt sie – „mit Gewalt“ in die Tat umzusetzen.
Es war, wie Freud sagt, ein „kultureller Fortschritt“, als sich "die Tat zum Wort mäßigte". Wer Mordgelüste gegenüber seiner Umwelt hat, kann Romane schreiben oder Filme drehen, in denen ein Serienkiller alle Nervensägen umbringt.

Ein animal symbolicum kann sich am signifiant als Ersatz für das Konzept (signifié) und das Reale vergreifen. Unter diesem semiotischen Gesichtspunkt wird es verständlich, dass sich wütende Horden versammeln, um bunt gestreifte Stofftücher mit Füßen zu treten, in den Dreck zu werfen, zu bespucken und johlend zu verbrennen. Sie schlagen den semiotischen Sack und meinen den wirklichen Esel: der konkrete signifiant (die Flagge) wird beschädigt und misshandelt, das abstrakte signifié (das Land) soll damit getroffen werden. Der symbolischen Beschädigung folgt meist die mehr oder weniger reale (zeichenhafte) Empörung des betroffenen Landes.

Die österreichische Fahne ist semiotisch besonders interessant. Das Ende der sogenannten Besatzungszeit wurde in Österreich mit einem eigenen „Tag der Fahne“ (später: Nationalfeiertag) gefeiert, an dem laut Anordnung durch das Unterrichtsministerium die Nationalflagge als Zeichen für die neue Souveränität Österreichs feierlich gehisst werden sollte.

Die alte Legende, mit der die konventionelle ROT-WEISS-ROTE- Farbkombination „motiviert“ werden soll (um im Jargon der Semiotik zu bleiben), ist barbarisch. Es heißt, dass sich die ROT-WEISS-ROTE- Fahne vom weißen Waffenrock des österreichischen Herzogs und Kreuzfahrers Leopold V. (1157-1194) ableitet, der den Beinamen „der Tugendhafte“ trägt. Er war so vorbildlich „tugendhaft“ im Abschlachten der Ungläubigen bei der Belagerung von Akkon, dass sein weißes Gewand über und über mit Blut getränkt war. Als er seinen breiten Gürtel abnahm, sah man den weißen Streifen.
Angesichts dieser blutigen Herkunft ist es überraschend, dass noch niemand daran gedacht hat, für das angeblich tu-felix-austria-nube- Österreich andere Landesfarben vorzuschlagen.

Wahrscheinlich hat das Gewand des Herzogs so ähnlich ausgeschaut, wie die Messgewänder von Herrmann Nitsch nach seinen Aktionen.
Obwohl die Aktionen von Nitsch bezogen auf menschliche Opfer vor allem zeichenhaft sind und der Blutrausch von Leopold V., zumindest der Legende nach, real war, beschwerten sich ausgerechnet die nationalen Kräfte über Nitsch, die die Tradition des christlichen Abendlands mit der Blutflagge Österreich hochhalten wollen. Vor den Tugendwächtern sind eben nicht alle Blutspritzer gleich.

Samstag, 3. November 2012

Cherchez la femme!


Alexandre Dumas hat nicht nur Die Drei Musketiere geschrieben, sondern auch den Spruch Cherchez la femme! = suchen Sie die Frau! zum geflügelten Wort gemacht. 
Cherchez la femme! meint, dass man alle Probleme, Rätsel und Verbrechen am besten lösen kann, wenn man nach der Frau als Triebkraft sucht, die den Mann dazu gebracht hat, sich so oder so zu verhalten. Aus zeichentheoretischer Sicht interessiert hier nicht die Frage, ob es richtig ist, die Frau als Wurzel allen Übels und den Mann als puppet on a string darzustellen, sondern die Möglichkeit, aus Cherchez la femme! - cherchez le signe! zu machen und damit die Methode der Semiotik auf einen denkbar einfachen Nenner bringen: Suchen Sie das Zeichen!

Wer Zeichen finden will, muss Formen suchen, um herauszufinden, ob sie etwas be-zeichnen, ob sie signifikant (fzr. signifiant, engl. signifier) sind. In dieser Hinsicht muss man die Aufforderung  Cherchez la femme über Cherchez le signe zu Cherchez le signifiant erweitern: suchen Sie die Form! – um dem Inhalt auf die Spur zu kommen.
Die Freud’sche Traumdeutung könnte man damit charakterisieren, dass sie diesen Weg wieder rückwärts geht: von den manifesten Signifikanten, die wir träumen (z.B. in Form eines Hutes), zu den latenten Signifikaten, dem richtigen Inhalt unserer Wünsche, der uns zu entschlüpfen droht, und schließlich zur femme
„Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höhlen, Schiffe und alle Arten von Gefäßen“ heißt es in der Traumdeutung, und konkret auf den Hut bezogen: "Aus anderen, aber minder durchsichtigen Fällen glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein weibliches Genitale stehen kann.“
Andererseits lesen wir dort auch:
„Von den Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. 
Seien Sie auf der Hut und hüten Sie sich davor, von Hüten zu träumen, wenn Freud in der Nähe ist. 

Mehr von Zipfelmützen, vom Unter-die-Haube-Kommen, sowie zur Semiotik der Wortspiele, der konkreten Poesie und der Likeness demnächst.