Samstag, 17. November 2012

Venus und die Voodoo-Puppe


In der Praxis ist Voodoo ganz einfach: wir nehmen eine Puppe, die dem Menschen nachgebildet ist, dem wir schaden wollen, und stecken eine oder mehrere Nadeln hinein – basta! 
Zeichentheoretisch ist die Angelegenheit komplizierter. Wenn wir Voodoo-Puppen semiotisch verstehen wollen, müssen wir zusätzlich zu den Saussure’schen Begriffen signifiant und signifié auch die wirkliche Welt in die Zeichentheorie aufnehmen. Wir machen dazu einen Umweg über die Venus, der sich aus mehreren Gründen lohnt.

You don’t have to be a rocket scientist - man muss nicht Semiotiker sein, um auf die Idee zu kommen, dass bestimmte Zeichen (wie z.B. Eigennamen) nicht nur aus zwei Aspekten, Teilen oder Polen bestehen, sondern aus drei. Die Saussure’sche Unterscheidung zwischen signifiant und signifié erklärt zwar, dass man beim gesprochenen oder geschriebenen Zeichen /Venus/ eine formal-signifikante und eine inhaltlich-signifizierte Ebene unterscheiden kann, lässt aber keinen Platz für die wirkliche Venus, die als Stern vom Himmel leuchtet.
Die anderen wirklichen Venusse (? – es gibt meines Wissens keine Mehrzahl), die Venus neben mir, die Bilder der Venus, die an den Wänden der Museen hängen, und Venus Williams lassen wir vorerst weg; die semiotische Sterndeuterei ist auch ohne sie kompliziert genug. Konzentrieren wir uns auf den Planeten als das mit dem Zeichen gemeinte und daher verbundene reale Objekt. Damit wir wissen, ob wir vom Objekt oder vom Konzept sprechen, müssen wir uns auf einen Begriff einigen, mit dem wir nur die realen Objekte, die von Zeichen bezeichnet werden, bezeichnen (ja, das sind die Tücken der Metasprache).
C. S. Peirce würde den Planeten Referent nennen, was im Kontext der englischen Sprache relativ leicht  zu verstehen ist: der Planet Venus ist das Objekt, auf den sich das Zeichen Venus referentiell bezieht (engl: to refer to).
Der deutsche Semiotiker, Semantiker und Logiker Gottlob Frege hat für die bezeichneten Objekte hingegen den Ausdruck Bedeutung vorgeschlagen und damit viel zur babylonischen Sprachverwirrung beigetragen.

Laut Frege wäre das reale und sinnlich wahrnehmbare Objekt, das ich meine, wenn ich Venus sage, die (Achtung anti-intuitiv!) Bedeutung des Zeichens Venus. Die Bedeutung im Sinne Freges ist ein sinnlich wahrnehmbarer Gegenstand. Es wäre im Sinne einer Eselsbrücke vielleicht sinn-voller gewesen, den sinnlich wahrnehmbaren Aspekt des Zeichens Sinn zu nennen, aber bleiben wir bei der historisch erfolgreichen terminologischen Konvention Bedeutung = Objekt: wir können das Objekt bei gutem Wetter und entsprechender Konstellation der Umlaufbahn am Abend und am Morgen sinnlich am Himmel wahrnehmen. Wenn Venus am Abend nach Sonnenuntergang sichtbar wird, nennen wir sie Abendstern, wenn sie am Morgen wieder vor der Sonne auftaucht, nennen wir sie Morgenstern. Von der Erde aus gesehen ist der Planet Venus immer in der Nähe der Sonne, er geht mit ihr auf und unter, daher können wir ihn nur in der Dämmerung und nie z.B. um Mitternacht sehen.

Im alten Weltbild der griechischen Mythologie ist der Gedanke manifest, dass es sich bei Abend- und Morgenstern um zwei unterschiedliche Planteten handeln müsse. In der Antike heißt der Abendstern Hesperos, wovon sich – über das lateinische vespera - das deutsche Vesper (Abendgebet, Abendessen) ableitet. Der vor der Sonne aufgehende Morgenstern wurde Phosphorus  genannt, der Lichtbringer oder Lichtträger, - lateinisch Lucifer.
Da es sich trotz aller konzeptuellen und konnotativen Unterschiede zwischen Abendstern und Morgenstern, zwischen Hesperos und Phosphorus um dasselbe physische Objekt handelt, sagt Frege: die Bedeutung von Abendstern und Morgenstern ist dieselbe, der Sinn ist nicht derselbe. 

Ein perfektes Beispiel, um den Begriff der Bedeutung zu illustrieren,  – aber eben nur fast: manchmal ist nämlich der Merkur Abend- und Morgenstern. In diesen Fällen gilt zwar: „die Bedeutung von "Abendstern" (Merkur) und "Morgenstern"(Merkur) ist „dieselbe“, aber es gilt auch: Die Bedeutung von „Abendstern und Morgenstern (Venus)“ ist nicht dieselbe wie die Bedeutung von „Abendstern und Morgenstern (Merkur)“.
Wenn ich die astronomischen Quellen im Netz richtig deute, dann fungiert derzeit noch die Venus als Morgen- und Abendstern; Ende November wird dann Merkur ihre Rollen für ein paar Tage übernehmen.

Zurück zur Voodoo-Puppe: Es ist wichtig zu wissen, was jeweils die konkrete Bedeutung im Sinne Freges ist, schließlich müssen wir die Voodoo-Nadel in die richtige Puppe stechen, wenn wir die Venus (und nicht den Merkur) treffen wollen.  

Montag, 12. November 2012

The Torture Never Stops: Nachtrag zu Eisernen Jungfrau



Als Soundtrack zur Dracula-Sisyphusarbeit beim Bügeln der sündigen Seelen mit dem gezähnten Cadeau habe ich immer an Frank Zappas Verlies der Verzweiflung (Dungeon of Despair) gedacht, in dem grüne Schmeissfliegen herumschwirren und ein übereifriger Gehilfe hechelnd den großen Blasebalg (the giant fire puffer) betätigt.

Flies all green 'n buzzin'
In this dungeon of despair 
Prisoners grumble and piss their clothes
And scratch their matted hair 
A tiny light from a window hole
A hundred yards away
Is all they ever get to know
About the regular life in the day


Das Fenster im Verlies ist nicht dazu gedacht, dass die Verdammten hinaussehen sondern dass die Seligen, die im Himmel frohlocken, bei den Höllenqualen zusehen können. Thomas von Aquin hat schon im 13. Jahrhundert davon geschwärmt, dass das Zusehen bei der ewigen Qual der Verdammten eine der größten Erbaulichkeiten sei, die der Himmel zu bieten habe. 

And it stinks so bad the stones been choking
And weepin' greenish drops 
In the room where the giant fire puffer works
An the torture, the torture, the torture never stops 
The torture never stops.

Freitag, 9. November 2012

Man Ray, die eiserne Jungfrau und Draculas Bügeleisen

Ich habe heute am Vormittag gemeinsam mit der Biochemikerin Renee Schröder und dem Bühnenbildner Maximilian Fliessbach ein Bild gemalt. Es ist ein buntes Triptychon geworden, in das ich eines meiner Lieblingszeichen gemalt habe: Dracula's  Bügeleisen, wie ich es nenne, ein Bügeleisen mit bluttriefenden Zähnen.

Wer sich ein biss-chen(!) in der Historischen Avantgarde umgeschaut hat, weiss, dass nur das Blut von mir stammt. Die Idee, ein Bügeleisen  mit Nägeln zu bestücken, habe ich von Man Ray, der dieses Ray-  di - made (sic) zuerst der Kunstwelt vor den Latz geknallt hat. 
Man Rays provozierende (= Gedanken und Reaktionen hervorrufende) Montage zeigt, wie schnell aus alltäglichen Dingen Zeichen werden können oder zumindest Formen, von denen wir vermuten, dass sie ein Sinn haben (sollen) und daher Zeichen sind.
Verfolgen  wir den Weg vom Ding zum Zeichen.
Dinge stehen zuerst einmal für sich selbst. Ein Bügeleisen ist ein Bügeleisen ist ein Bügeleisen, bis es für jemanden / von jemandem zum Zeichen gamcht wird.  Nägel sind Nägel, bis sie mit Bedeutung aufgeladen werden. 

Es ist naheliegend, Bügeleisen und Nägel als Zunft-Zeichen zu verwenden, die das Handwerk re-präsentieren, bei dem sie eine Rolle spielen. Bügeleisen könnten als Zeichen für eine Schneiderei verstanden werden, Nägel als Zeichen für einen Tischler. Diese Beispiele zeigen auch, dass man für eine repräsentative (ins gegenwärtig präsente Bewusstsein rufende) Funktion eher Gegenstände zum Zeichen machen wird, die möglichst repräsentativ (stellvertretend als Alleinstellungsmerkmal) sind, wie etwa Nadel, Faden und Schere für einen Schneider und einen Hobel für den Tischler.

Hobel und Schere sind ebenso wie ein Bügeleisen praktische Werkzeuge, aber wofür steht dieses mit Nägeln bestückte Unding, das keinen praktischen sondern nur mehr zeichenhaften Wert zu haben scheint? Die Irritation wird durch die Montage ausgelöst: ein heißes Bügeleisen mit kalten Nägeln.

Dazu kommt, dass Man Ray dem Werk den Titel Cadeau (Geschenk) gegeben hat. Wem schenkt er dieses Monstrum(m)? Den Büglerinnen, damit sie die weißen Hemden Ihrer Ausbeuter und die schwarze Spitzenunterwäsche der AusbeuterInnen zerfetzen? Den SadistInnn? Den KunstfreundInnen?

Bei manchen Triathlons bekommen die Teilnehmerinnen ein Erinnerungs- T-Shirt, auf dem ein Bügeleisen (engl. iron) abgebildet ist, als Zeichen, dass man ein IRON-Man bzw. eine IRON-Woman ist.  
Von der iron woman, der Eisenen Lady ist es nicht weit zur eisernen Jungfrau, dem euphemistischen Ausdruck für eine der grausamsten Foltermaschinen. 
Die eiserne Jungfrau ist eine weibliche Statue, die innen hohl und mit Stacheln bewehrt ist. Das Opfer, meist ein Ketzer oder eine Hexe, wird in diesen Hohlraum gesteckt. Dann schließt man die Jungfrau mit Gewalt (eine Art umgekehrter Vergewaltigung einer - hier im übertragenen Sinn - eisernen Jungfrau) und die Stacheln/Zähne dringen ins Fleisch des darin gefangenen Menschen ein, der wie in einer Vagina Dentata penetriert wird.
Ich habe bei  Man Ray's Cadeau immer schon an Draculas Bügeleisen gedacht und mir vorgestellt, wie er diesem Bügeleisen in der Hölle werkt. Der Graf ist dazu verdammt, die Sünden aus den Seelen der Verdammten zu bügeln, eine Sisyphus-Aufgabe, mit der er sein untotes Leben lang nie fertig wird.
Im Jahr 2009 habe ich in der Schweiz an der Hochschule der Künste in Bern eine Installation gemacht, in der Draculas Bügeleisen in Zeitlupe über den Sündenpfuhl fährt. Ich habe die Aktion Undead End genannt, weil sie am Ende einer unterirdischen Sackgasse (=dead end) aufgebaut war. Es war eng, finster und stickig. Das Video kann die Stimmung nur annähernd wiedergeben, in Wirklichkeit war die ganze Sache jenseitig und unheimlich. Hier der Link:
Undead End







Dienstag, 6. November 2012

Hermann Nitsch und der Tag der Fahne


Der Mensch ist ein animal symbolicum und kann - im Gegensatz zu anderen Tieren - Zeichen und Symbole verwenden, um seine Wünsche und Bedürfnisse zeichenhaft auszuleben, anstatt sie – „mit Gewalt“ in die Tat umzusetzen.
Es war, wie Freud sagt, ein „kultureller Fortschritt“, als sich "die Tat zum Wort mäßigte". Wer Mordgelüste gegenüber seiner Umwelt hat, kann Romane schreiben oder Filme drehen, in denen ein Serienkiller alle Nervensägen umbringt.

Ein animal symbolicum kann sich am signifiant als Ersatz für das Konzept (signifié) und das Reale vergreifen. Unter diesem semiotischen Gesichtspunkt wird es verständlich, dass sich wütende Horden versammeln, um bunt gestreifte Stofftücher mit Füßen zu treten, in den Dreck zu werfen, zu bespucken und johlend zu verbrennen. Sie schlagen den semiotischen Sack und meinen den wirklichen Esel: der konkrete signifiant (die Flagge) wird beschädigt und misshandelt, das abstrakte signifié (das Land) soll damit getroffen werden. Der symbolischen Beschädigung folgt meist die mehr oder weniger reale (zeichenhafte) Empörung des betroffenen Landes.

Die österreichische Fahne ist semiotisch besonders interessant. Das Ende der sogenannten Besatzungszeit wurde in Österreich mit einem eigenen „Tag der Fahne“ (später: Nationalfeiertag) gefeiert, an dem laut Anordnung durch das Unterrichtsministerium die Nationalflagge als Zeichen für die neue Souveränität Österreichs feierlich gehisst werden sollte.

Die alte Legende, mit der die konventionelle ROT-WEISS-ROTE- Farbkombination „motiviert“ werden soll (um im Jargon der Semiotik zu bleiben), ist barbarisch. Es heißt, dass sich die ROT-WEISS-ROTE- Fahne vom weißen Waffenrock des österreichischen Herzogs und Kreuzfahrers Leopold V. (1157-1194) ableitet, der den Beinamen „der Tugendhafte“ trägt. Er war so vorbildlich „tugendhaft“ im Abschlachten der Ungläubigen bei der Belagerung von Akkon, dass sein weißes Gewand über und über mit Blut getränkt war. Als er seinen breiten Gürtel abnahm, sah man den weißen Streifen.
Angesichts dieser blutigen Herkunft ist es überraschend, dass noch niemand daran gedacht hat, für das angeblich tu-felix-austria-nube- Österreich andere Landesfarben vorzuschlagen.

Wahrscheinlich hat das Gewand des Herzogs so ähnlich ausgeschaut, wie die Messgewänder von Herrmann Nitsch nach seinen Aktionen.
Obwohl die Aktionen von Nitsch bezogen auf menschliche Opfer vor allem zeichenhaft sind und der Blutrausch von Leopold V., zumindest der Legende nach, real war, beschwerten sich ausgerechnet die nationalen Kräfte über Nitsch, die die Tradition des christlichen Abendlands mit der Blutflagge Österreich hochhalten wollen. Vor den Tugendwächtern sind eben nicht alle Blutspritzer gleich.

Samstag, 3. November 2012

Cherchez la femme!


Alexandre Dumas hat nicht nur Die Drei Musketiere geschrieben, sondern auch den Spruch Cherchez la femme! = suchen Sie die Frau! zum geflügelten Wort gemacht. 
Cherchez la femme! meint, dass man alle Probleme, Rätsel und Verbrechen am besten lösen kann, wenn man nach der Frau als Triebkraft sucht, die den Mann dazu gebracht hat, sich so oder so zu verhalten. Aus zeichentheoretischer Sicht interessiert hier nicht die Frage, ob es richtig ist, die Frau als Wurzel allen Übels und den Mann als puppet on a string darzustellen, sondern die Möglichkeit, aus Cherchez la femme! - cherchez le signe! zu machen und damit die Methode der Semiotik auf einen denkbar einfachen Nenner bringen: Suchen Sie das Zeichen!

Wer Zeichen finden will, muss Formen suchen, um herauszufinden, ob sie etwas be-zeichnen, ob sie signifikant (fzr. signifiant, engl. signifier) sind. In dieser Hinsicht muss man die Aufforderung  Cherchez la femme über Cherchez le signe zu Cherchez le signifiant erweitern: suchen Sie die Form! – um dem Inhalt auf die Spur zu kommen.
Die Freud’sche Traumdeutung könnte man damit charakterisieren, dass sie diesen Weg wieder rückwärts geht: von den manifesten Signifikanten, die wir träumen (z.B. in Form eines Hutes), zu den latenten Signifikaten, dem richtigen Inhalt unserer Wünsche, der uns zu entschlüpfen droht, und schließlich zur femme
„Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höhlen, Schiffe und alle Arten von Gefäßen“ heißt es in der Traumdeutung, und konkret auf den Hut bezogen: "Aus anderen, aber minder durchsichtigen Fällen glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein weibliches Genitale stehen kann.“
Andererseits lesen wir dort auch:
„Von den Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. 
Seien Sie auf der Hut und hüten Sie sich davor, von Hüten zu träumen, wenn Freud in der Nähe ist. 

Mehr von Zipfelmützen, vom Unter-die-Haube-Kommen, sowie zur Semiotik der Wortspiele, der konkreten Poesie und der Likeness demnächst.

Freitag, 2. November 2012

Saussures Sémiologie und die Inglorious Basterds


Seit Ferdinand de Saussure gehört die Unterscheidung zwischen signifiant (der aktivierenden Form, die etwas in unserem Bewusstsein bewirkt, dem Be-deutenden) und signifié (dem aktivierten Inhalt, der Vorstellung, der Bedeutung) zum kleinen 1x1 der Semiotik.
Der Vater der modernen Linguistik sprach schon früh von einer zukünftigen allgemeinen Zeichenwissenschaft (sémiologie), die sich mit allen Arten von signifiant +signifié – Kombinationen beschäftigt, nicht nur mit den gesprochenen und geschriebenen Zeichen. 
Durch Quentin Tarantinos Inglorious Basterds ist der semiologische Grundgedanke, dass wir mit Händen und Füßen sprechen und uns dabei verraten können, populär geworden, weil Tarantino in einer der berühmtesten Szenen seines Films einen „intersemiotischen“ Konflikt mit tarantino – typisch - tödlichem Ausgang inszeniert hat.

In Inglorious Basterds kann sich der britische Offizier Lt. Archie Hicox sich trotz eines auffälligen Akzents erfolgreich als Deutscher ausgeben. Hicox spricht so als wäre er ein Deutscher, aber er "tut" eben nicht genau so. Das wird ihm zum Verhängnis. Als er in einer Bar in deutscher Sprache „3 Gläser“  bestellt und dabei – wie es ihm als Briten in Fleisch und Blut übergegangen ist - auf Englisch den Zeige-, Mittel- und Ringfinger hochhält, fällt er nonverbal aus der Rolle und wird von den Deutschen entlarvt.

Wieso zählen Briten anders als Deutsche? Diese Frage kann man möglicherweise mit einem Umweg über das Thema „Digitaluhren“ klären, auch wenn die Verbindung nicht sofort klar erscheint.
Eine Digitaluhr stellt die Zeit (semiotisch gesprochen: symbolisch) als Zifferncode dar, die Form der Ziffern selbst (als signifiant) hat keinen ikonisch - abbildenden Bezug zum Stand der Sonne.
Für sich genommen geben Digitaluhren mit arabischen Ziffern keinen „ikonischen“ Hinweis darauf, ob die Sonne um 8:37 schon einen längeren Weg zurückgelegt hat als um 7:38, ob sie um 11:07 höher steht oder um 15:49.
Deshalb muss man die laufenden Ziffern der Digitaluhr wie die Buchstaben des Alphabets lesen lernen, um ihre Zeitangabe „ent-ziffern“ zu können. (Man könnte allerdings auch ganz lange auf eine Digitaluhr starren und zugleich die Sonne beobachten, um den „konventionellen“ Code zu re-konstruieren).

Etymologisch ist es eigentlich widersinnig, dass uns ausgerechnet Digitaluhren keinen direkten Fingerzeig(er) für die Zeit liefern, da sich der Begriff digital vom lateinischen digitus ableitet, was Finger bedeutet. Aus der Sicht der Etymologie sollten Digitaluhren daher Zeiger-Finger statt Ziffern haben. Früher haben wir – wie alle archaischen Gesellschaften und Kinder – mit den Fingern bis Zehn gezählt. Wenn wir bei den römischen Ziffern geblieben wären, hätten Digitäluhren tatsächlich noch „Finger“.
Römische Ziffern sind Zeichen unseres verkörperten Wissens: I steht für den gerade in die Höhe gereckten Zeigefinger, II für Zeigefinger und Mittelfinger, III für Zeige-, Mittel- und Ringfinger, IIII für alle Finger mit Ausnahme des in der Handfläche versteckten Daumens, V für alle fünf Finger; der einfachen Darstellbarkeit wegen werden jedoch nur der schräg stehende Daumen und der abgespreizte kleine Finger abgebildet.
Das abschließende römische X ist ein vereinfachtes Abbild von zwei aufeinander stehenden V, die jeweils für fünf gespreizte Finger stehen.

Dass man IIII später bevorzugt - nicht ikonisch - als IV geschrieben hat, ist eine kulturelle Weiterentwicklung des Codes, um Missverständnisse und Lesefehler zu vermeiden. Vier identische Zeichen nebeneinander sind schwerer zu entziffern als zwei, die mit einer konventionellen Subtraktionsregel verbunden sind. Dennoch findet man auf manchen Zifferblättern auch die ältere IIII-Schreibweise.

Im Englischen ist aus dem lateinischen digitus das Wort digit (Ziffer) geworden, das wir für  Ziffern verwenden, obwohl ihnen, wie erwähnt, die römische Finger-Ikonizität fehlt. 
Wer eine Eselsbrücke zwischen Finger und dem modernen Begriff von digital  braucht, kann sich digital als „in Einzelheiten zerlegt“ vorstellen und die einzelnen Einheiten im Geist mit dem Finger abzählen.
Wenn Engländer wirklich mit den Fingern zählen, lässt sich der Einfluss des alten römischen „Digital-Fingers“ noch ablesen, denn im anglo-amerikanischen Raum beginnt man mit dem ausgestreckten Zeigefinger, der für I steht. Deutsche und Österreicher beginnen hingegen mit dem Daumen zu zählen.
Diese semiotische Differenz von (deutscher) Sprache und (römischer/britischer) Gestik verrät Lt. Archie Hicox, seine Deckung fliegt auf, Hicox wird getötet. Der Teufel steckt eben im Detail.



Donnerstag, 1. November 2012

Nosferatus Kuckucksuhr


Bram Stokers Roman Dracula beginnt mit einer Notiz aus Jonathan Harkers Reisetagebuch: «3. May. Bistritz.  - Left Munich at 8:35 P. M., on 1st May, arriving at Vienna early next morning; should have arrived at 6:46, but train was an hour late.»

Dracula ist wohl der einzige Text der Weltliteratur, der mit einer Zugverspätung beginnt. Bis München ist dem blutjungen Harker offenbar nichts widerfahren, das ihm merkwürdig genug gewesen wäre, um im Tagebuch vermerkt zu werden. Kaum kommt er jedoch nach Österreich, schon ist der Zug - typisch Österreich könnte man sagen – verspätet, was Harker, ein pedantischer kleiner Rechtsanwalts-Gehilfe auf seiner ersten großen Reise, penibel notiert.
Einem abgeklärten Reisenden wäre es im Gegenteil merkwürdig erschienen, wenn alle Züge quer durch Europa pünktlich gewesen wären.

Mit dieser Wiener Zugsverspätung wird schon im ersten Satz von Dracula ein bedrohlicher Grundton angeschlagen, der sich durch den ganzen Roman zieht; sie ist die erste einer Serie von Verspätungen und Verzögerungen.
Bekanntlich ist  der Junggeselle Harker nicht zu seinem Vergnügen unterwegs, sondern auf Dienstreise. Sein Boss hat ihn nach Transsylvanien geschickt, weil ein gewisser Graf Dracula Grundbesitz in England erwerben will. Wenn Harker nicht rechtzeitig nach Transsylvanien kommt, dann platzt das Geschäft vielleicht und Harker könnte seinen Job verlieren und damit auch die finanzielle Grundlage, seine Geliebte Mina zu heiraten. 
Harker will das Vertrauen, das sein Chef in ihn gesetzt hat, nicht enttäuschen und daher möglichst schnell zu Dracula kommen: should have arrived at 6:46. Kaum ist er jedoch tatsächlich bei Dracula angekommen, findet er sich in einem Alptraum wieder.

In Murnaus Nosferatu (1922) ist die Begegnung des jungen Mannes mit dem uralten Vampir scherenschnitthaft eindrucksvoll dargestellt. Auch wenn die Figuren in Nosferatu aus rechtlichen Gründen anders benannt wurden, bleibe ich der Einfachheit halber bei Harker und Dracula.
In der Uhrenszene sitzt Harker wenige Minuten vor Mitternacht auf Schloss Dracula am Esstisch. Er ist von der Reise erschöpft, sein Gastgeber hat ihm – wie es sich am Hof eines Grafen (vgl. „höflich“) gehört – einen späten Imbiss angeboten.
Die Szene ist dramaturgisch perfekt, extrem karg und symbolisch aufgeladen. Harker nimmt einen Laib (man könnte mit Freud assoziieren: Laib=Leib) Brot vom Tisch und ein Messer zur Hand, das mich immer an Psycho erinnert. Es gibt in unserer Vorstellungswelt keine „einfachere“ Mahlzeit als ein Stück Brot: „Gib uns unser tägliches Brot heute“ heißt es im Vater Unser. Essen ist Eros, Lebenstrieb, leibliche Lust. Während Harker das Brot schneidet, schneidet Murnau um auf Draculas Augen, die Harker fixieren.
Harker hält inne, er ist verwirrt und beunruhigt, weil sein Gastgeber nicht mit ihm isst (=unhöflich, unlebendig), sondern ihn nur anstarrt.
 Genau in diesem Augenblick – perfektes Timing - schlägt die Einhand-Uhr (vgl. dazu meinen Post über Zeiger/hands) hinter Harker Zwölf. Mitternacht. Geiserstunde. Erschrocken blickt er sich zur Uhr um. Draculas Uhr hat ein ganz besonderes Schlagwerk: Gevatter Tod, dargestellt durch ein Gerippe, thront über der Uhr und schlägt die Stunde.
Nervös und irritiert schneidet Harker sich in den Daumen - ins eigene Fleisch - Blut fließt und der bisher seltsam leblose Vampir erwacht. 

Werner Herzog hat diese Uhren-Szene in seiner Nosferatu-Version fast schon parodistisch nachgestellt, mit einem Totenschädel, der aufklappt. 
Während mich die semiotische Klarheit von Murnaus Uhr fasziniert, denke ich bei Herzog/Kinski/Ganz –  immer: wenn Herzog in der Uhrenszene so übertreibt, hätte er - zum Kuckuck! - gleich eine Kuckucksuhr für diese Einstellungen nehmen können.

Dienstag, 30. Oktober 2012

Die verfli-x-te Taschenuhr


Mein Großvater hat von meinem Ur-Großvater eine kaputte Taschenuhr geerbt, die niemand reparieren konnte. Aber auch nach einer Reparatur wäre diese Uhr unbrauchbar geblieben, denn das Zifferblatt zeigte 10 Stunden an, oben war ein X anstelle der Ziffer 12, unten ein V.

Uhren mit Zeigern und Zifferblatt repräsentieren das alte Weltbild vor Kopernikus und Galileo: der Mensch blickt von oben auf sich selbst, er sieht sich im Mittelpunkt des Zifferblatts, alles dreht sich um ihn. Die Sonne, manchmal als Kreis an der Spitze des Stundenzeigers abgebildet, zieht ihre Bahn rund um die Erde. Bezugspunkt ist die Stellung der Sonne zum Betrachter, der mit der Hand (hand ist der englische Ausdruck für Zeiger) auf die Sonne zeigt, die zu Mittag am höchsten Punkt steht: high noon.

Die ersten Uhren mit Zifferblatt (Karl Valentin würde auf Ziffer-n-blatt bestehen, nach seiner Semmel-n-Knödel-n-Logik) waren Ein-Hand-Uhren mit einem Stundenzeiger; der Minutenzeiger kam erst später dazu, als die Uhrwerke genauer wurden. 
Ein Zifferblatt, das eine vollständige ikonische Abbildung der „Kreisbahn“ der Sonne um die Erde darstellt, umfasst – nach unserer Einteilung – 24 Stunden.  24-Stunden-Uhren sind meines Wissens nicht sehr weit verbreitet. Bei diesen Uhren zeigen beide „Hände“ um Mitternacht direkt nach unten, wo bei „konventionellen“ Uhren, die Tag und Nacht als 12-stündigen Vormittag (ante = vor) und ebenso langen Nachmittag (post = nach) übereinander blenden, 6 Uhr ist.

Der Begriff „konventionell“ ist ein zentraler Terminus der Semiotik, der auch im Zusammenhang mit Uhren wichtig ist, deren 12- bzw. 24- Stunden Einteilung uns so sehr in Fleisch- und Blut übergegangen ist, dass sie uns natürlich erscheint. Tatsächlich ist diese Einteilung ähnlich konventionell wie die Bedeutung Stop für die rote Verkehrsampel (dazu mehrere Posts von mir, besonders: Red Revolutions per Minute).
In Zeiten der Französischen Revolution wurde auch die Zeitrechnung umgestellt. Aus dem, wie die Revolutionäre sagten, „vulgären“ 12-Stunden-Tag wurde ein „vernünftiger“ 10-Stunden-Tag. Die alten Uhren brauchten neue Zifferblätter. Diese neue Zeitrechnung setzte sich bekanntlich ebensowenig durch wie die 10-Tage-Woche. Man kann jedoch in französischen Museen noch Uhren finden, die ein Zifferblatt mit 10 Stunden haben. 

Heute könnte man diese „unkonventionellen“ und damit im Alltag unbrauchbaren Uhren noch verwenden, um den Teufel zu verwirren.
Auf der Insel Malta habe ich eine Kathedrale gesehen, die zwei Türme hat, an denen je eine Turmuhr angebracht ist. Diese beiden Uhren zeigen nie dieselbe Zeit an. Eine der beiden Uhren wird absichtlich immer so eingestellt, dass sie falsch geht, denn die Malteser glauben, dass der Teufel eine Liste hat, in der die Todesstunde seiner Opfer vermerkt ist. 
Mit dieser Liste kommt er auf die Erde, um sich die verdammten Seelen zu holen. Wenn er jedoch nach Malta kommt und die beiden unterschiedlichen Uhren sieht, ist er verwirrt, weil er nicht weiß, welche Uhr die richtige Zeit anzeigt. Bekanntlich hat der Teufel keine eigene Uhr, auf die er sich verlassen könnte! 
In dieser kurzen Zeit der Verwirrung hat die Seele der Verstorbenen Zeit, in den Himmel zu gelangen.
So oder so ähnlich wird diese Geschichte an vielen Orten der Welt erzählt. Aus Irland (und als Filmtitel) kennen wir dazu den frommen Wunsch: May you be in heaven half an hour before the devil knows you're dead.

Samstag, 27. Oktober 2012

Salomo und die Sensenfrau

In einem der letzten Posts habe ich über die Sonnenuhr als Index-Zeichen geschrieben, heute beschäftigt mich die Uhr mit der Wespentaille: die Sanduhr, das Stundenglas, die Eieruhr. Das Stundenglas ist eine Uhr, die in einem Korsett eingeschnürt ist und uns den Atem raubt. Sie ist aus semiotischer Sicht ikonisch und symbolisch bemerkenswert.

Kehren wir kurz zur indexikalischen Sonnenuhr zurück: die Sonne treibt den von ihr geschaffenen Finger-Schatten unaufhaltsam weiter und gibt uns damit einen Fingerzeig(er):  der Begriff index leitet sich vom lateinischen Zeigefinger ab. Sonnenuhren vermitteln ein Gefühl der Wiederkehr, denn die Sonne kehrt - so scheint es - jede Nacht an ihren Ausgangspunkt zurück, um „wiedergeboren“ zu werden (renascens), wie es in den uralten Sprüchen heißt, die König Salomo zugeschrieben werden (Qoheleth, Ekklesiastes).

Einer der bekanntesten dieser Sprüche lautet Nihil sub sole novum  = Es gibt nichts Neues unter der Sonne; ein offener Hinweis auf die Wiederkehr des Immergleichen. Es entspricht der fatalistisch-depressiven Grundhaltung von Salomons Sprüchen, dass dieses Immergleiche, wie Luther übersetzt, „eitel“ ist; wir würden heute sagen „bedeutungslos“, „vergänglich“, „nur ein schöner Schein", „eine Täuschung", "nichts als Wahn.“  
Vanitas steht an dieser Stelle in der Vulgata, die unsere eigene Vergänglichkeit direkt anspricht. „Alles hat seine Zeit“, heißt es dort: tempus nascendi et tempus moriendi – a time to be born, a time to die, wie Pete Seeger Jahrhunderte später singen wird.

Eines der bekanntesten Symbole der Vanitas ist das Stundenglas. Während Sonnenuhren und Uhren mit einem Ziffernblatt die Zeit als Zeitkreis oder unendliche Schleife ikonisch abbilden, zeigt das Stundenglas deutlich, dass unsere Zeit abläuft und begrenzt ist. Oberhalb der Wespentaille ist die Zukunft, unterhalb die Vergangenheit, dazwischen verrinnt die Zeit.
Sanduhren haben eine objektive Eigenschaft, die wir als subjektive Zeitwahrnehmung schmerzlich erfahren: je länger der Sand durchrieselt, je mehr Zeit vergeht, desto größer wird – durch mechanische Abnutzung - der Durchgang. Im Lauf der Zeit kann immer mehr Sand durchfließen, die Zeit verfliegt immer schneller. Genau so erfahren wir die Zeit, wenn wir  - mechanisch abgenutzt - älter werden. Je mehr Gegenwart wir erlebt haben, desto schneller vergeht sie. 
Wenn alle Körner durch die kleine Öffnung gerieselt sind, dann ist es aus mit uns: „jede Stunde schmerzt uns, die letzte tötet“ steht auf manchen alten Uhren.

Dass die Sanduhren ikonisch der Korsett-Figur einer Frau entsprechen, lädt das Symbol noch stärker auf, vor allem in vielen romanischen und slawischen Sprachen, in den der Tod weiblich ist: wenn unsere Zeit abgelaufen ist kommt die Sensen-frau, la mort. Und dann spielt es keine Rolle mehr, ob unsere Rolex echt oder gefälscht ist, man kann sie ohne hin "net mitnemma" wie der bayerische Arzt und Kabarettist Georg Ringsgwandl zu Bob Dylans Musik singt:

Hey, du konnst Ministerpräsident sei von am Staat,
Der im Rüstungsgschäft prozentual die Finger hot.
Du konnst Kardinal sei, schee feierlich und fett,
Oder frommer Pfarrer, mit Zölibat und Doppelbett.

Doch des konnst du net mitnehma,
Naa, des konnst du net mitnehma.
Frog amoi an Teife, frog an liabn Gott,
Und der sogt – „net mitnehma!“






Donnerstag, 25. Oktober 2012

Big brother is (s)watching you


Uhren sind mehr als Chronographen (Zeit-Auf-Schreiber), mehr als Zeichen für den Stand der Sonne im Verhältnis zu unserem eigenen Standpunkt. Warum sollte man(n) sonst eine gefälschte Rolex tragen, die die Zeit weniger verlässlich anzeigt als eine billige Swatch?

Aus semiotischer Sicht sind vor allem die sozialen Faktoren interessant, die mit Uhren verbunden sind. Schauen wir auf unsere Armbanduhr: sie hat uns am Gängelband. Wer eine Armbanduhr tragen muss, ist arm dran. Nicht die Uhr ist an uns angebunden, sondern wir an sie. „Big Brother ist watching you“ – darin steckt der Begriff „watch“ = „überwachen, bewachen, beobachten“ aber auch „Uhr“. Die wristwatch hat uns am Arm gepackt, der Griff ist fest, firm. 

Vor der Invasion der Plastikdinger waren auch die billigsten Armanduhren wertvoll, ein Gebrauchsgegenstand für Erwachsene und kein modischer Schnickschnack oder gar Kinderspielzeug. Die Uhr am Arm hat bekräftigt (confirmiert), dass man erwachsen geworden ist.
Im religiösen Sinn bekräftigt die confirmatio die Taufe, die dem Kind ja ohne dessen Zustimmung übergestülpt wird. Erst der/die Gefirmte ist stark genug, dem Teufel (Gott-sei-bei-uns) zu widerstehen und sich selbstverantwortlich zum Glauben zu bekennen. Dieser Gedanke ist auch in der Jüdischen Tradition präsent, Bar Mizwa bedeutet „Sohn der Pflicht“, mit anderen Worten, die neu erreichte Eigenverantwortlichkeit. Rede und Antwort stehen - etwa wenn man zu spät kommt.

Der religiöse Kontext kann nicht ausreichend erklären, warum ausgerechnet eine  Armbanduhr das traditionelle Geschenk bei der Firmung oder Konfirmation war. Den entscheidenden Hinweis findet man, wenn man an das zweite klassische Firmungsgeschenk denkt, das Fahrrad. Das Fahrrad braucht man nicht, um rechtzeitig zur Frühmesse in die Kirche zu kommen, sondern als billigstes mechanisches Transportmittel um rechtzeitig in die Fabrik zur Arbeit zu kommen. 

Die Armen schenken Ihren Kindern (mit oder ohne Firmung) eine Armbanduhr, um zu zeigen, dass die unbeschwerte Zeit der Kindheit und Jugend vorbei ist. 
Im Alter der Firmung steigen die Menschen, die nicht privilegiert sind, in den Arbeitsprozess ein. Sie sind damit nicht mehr Herr über ihre Zeit. Wer seine Arbeitkraft verkaufen muss, verkauft seine Zeit. 

Klischeehaft ausgedrückt: Der Boss hat eine Taschenuhr an einer Goldkette im Gilet, er hat die Zeit. Der Arbeitnehmer kann sich weder die Zeit nehmen, um eine Uhr aus der Tasche zu holen, noch hat er die Hände frei. Er kann nur, ohne sein Handwerk unterbrechen zu müssen, einen gehetzten Blick auf die Armbanduhr werfen.
Die Urvölker hatten keine Uhren. Sie haben sich nach dem Stand der Sonne, des Mondes und der Sterne gerichtet. Damit sind sekundengenaue Termine schwer möglich. 
Mittlerweile ist der Zeitdruck global so stark geworden, dass die Uhren als Zeitpeitsche unser Handgelenk verlassen haben, jetzt können sich Breitling&Co.dort als Schmuckstück und Statussymbol breit machen. Die neuen Herren der Zeit haben sich parasitär überall dort eingenistet, wo wir arbeiten und spielen: auf dem Computerbildschirm, auf dem Flachbild-Fernseher, dem Armaturenbrett und natürlich auf dem Handy.
Mein Wecker piepst - die Zeit, die ich mir für diesen Post genommen habe, ist abgelaufen.



 

Montag, 22. Oktober 2012

Eins, zwei, drei im Sauseschritt


Uhren sind Zeichen der Zeit; die Schatten der Sonnenuhr, die Zeiger/das Ziffernblatt analoger Uhren, die Zahlen der Digitaluhr und die Kirchturmglocken (wer die Macht hat, darf Lärm machen) „sagen“ uns auf unterschiedliche Weise, wie spät es ist. 
In den folgenden Posts werde ich von der Eieruhr über die Kuckucks-Uhr bis zur (gefälschten) Rolex einen semiotischen Blick auf die Zeitmesser und Taktgeber werfen.
Wenn man die klassische Peirce’sche Dreiteilung von Zeichen nützt, kann man die verschiedenen Uhren als a) primär indexikalische (direkte Spuren legende), b) primär ikonische (der Realität ähnliche, analoge) oder c) symbolische (konventionelle) Zeit-Zeichen-Maschinen klassifizieren; oft sind all drei semiotischen Elemente in/auf einer Uhr vereint.

Beginnen wir mit der ältesten Uhr der Welt. Jede Sonnenuhr ist ihrem Prinzip nach eine indexikalische Uhr, bei der ein Stab einen Schatten wirft, der anzeigt, wie spät es ist: right here/right now.
Schon in archaischen Gesellschaften hat man versucht, die Zeit durch die Länge und die Position eines Schattens (z.B. des eigenen Körpers) zu bestimmen. Der zeichengebende / schattenwerfende Stab einer Sonnenuhr gibt die wahre Ortszeit / wahre Sonnenzeit auf einem Zeitbogen an. So kombinieren Sonnenuhren den indexikalischen Schatten (als Vorläufer des Zeigers) mit einem ikonischen Himmelsbogen, der den scheinbaren Weg der Sonne, den Tagbogen, über das Firmament abbildet.

Wenn der Schatten in die Mitte des Bogens fällt, steht die Sonne für diesen Tag am höchsten Punkt: dann ist Mitt-Tag, high noon, Zwölf Uhr, wie man in der symbolischen Zeitmesser-Welt sagt.
Der Zeigestab, giechisch polus (vgl. eng. Pole) ist ein sturer Schattenwerfer, der keine Zeitzonen kennt, sich nicht nach den gesetzlichen Vorschriften für Sommer- oder Winterzeit richtet und nur für die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang taugt – und auch das nur, wenn die Sonne „scheint“. Die Sonne scheint zwar immer, es scheint nur so als schiene sie nicht immer, dafür bewegt sie sich nicht – es scheint nur so, als bewege sie sich - auch auf der Sonnenuhr.
Sonnenuhren zeigen nur dann die Zeit "richtig" an, man den Polstab auf die Erdachse (den Polarstern) ausgerichtet hat und wenn man seine Zeichen mithilfe eines Ziffernblattes richtig lesen lernt.
In unser Welt sind Sonnenuhren nur mehr als romantisches Element der Haus- und Gartengestaltung präsent, als Slowfood gegen die Hektik des Arbeitsalltags.

Im nächsten Post nehmen wir den Blick vom Firmament und beschäftigen uns mit der Uhr, die man(n) zur Firmung bekommt, - um im Arbeitsalltag zu bestehen.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Letzte Nacht bei Freud


Gestern konnte ich in mein Semiotisches Tagebuch keine Eintragung machen. Ich war den ganzen Tag „draamhappert“, auf hochdeutsch: verträumt, mit Träumen im Kopf, wörtlich traum(draaam)-häuptig(happert). In meinem Traum (eigentlich Traum im Traum), der mich den ganzen Tag verfolgt hat, war ich wie so oft in meinen Träumen bei Dr. Freud.

„Wie geht's wie stehts?“ kicherte Freud, so als würde er zum ersten Mal verstehen, woran ein Psychoanalytiker bei „Wie geht' Wie stehts?“ stets denkt. 
In meinen Träumen ist Freud immer gut aufgelegt. „Erzähl mir von Deiner Mutter“, sagte er; im Traum duzt Freud mich. Ich erzählte ihm also im Traum meinen Traum: ich liege im Bett (im Traum im Traum); meine Mutter kommt in mein Schlafzimmer  „aha“ – höre ich Freud sagen – und gibt mir eine Birne. „Aha“, sagt Freud wieder und dann „Birne, weiche Birne“.

Ich esse die Birne, der Saft rinnt mir aus den Mundwinkeln. Meine Mutter hat noch eine zweite Birne, die sie auf das Fensterbrett im Schlafzimmer legt. Das ist mein Traum. „Was fällt Dir dazu ein?“ fragt Freud. "Gar nichts", antworte ich. „Pommes ou poires“ singt Freud vor sich hin, „pommes ou poires“. Dann schnauzt er mich an: "Versager! Sag was!" Warum versagst Du? Sag, sag, sag!"
Tatsächlich fällt mir noch ein, dass ich nach dem Aufwachen (aus dem Traum im Traum, aber immer noch träumend) so von der Realität des Traums im Traum überzeugt war, dass ich unbedingt von meiner Mutter die zweite Birne haben wollte. „Will, will, will, will Dir sonst nichts einfallen?“ sagt Freud, während er wie Rumpelstilzchen um die Couch springt. Dann setzt er sich nieder und meint: "Ich werde den Traum nun übersetzen, die Birnen sind doch nur Ersatz. Die Birnen, die Birnen, die Birnen, das sind die weichen, saftigen Brüste unserer Mutter. Die Birnen sind ein Zeichen! Etwas, das für etwas anderes steht" - wieder kicherte Freud. "Eine Birne durftest Du essen, sie hat uns ja tatsächlich gesäugt, als wir noch ein Kind waren. Aber die zweite Birne dürfen wir nicht mehr bekommen, denn jetzt sind wir schon erwachsen." Freud seufzte. "Diese Birnen hat uns die Mutter - nein der Vater - versagt. Vaterversager, Versagervaterunser. Wenn unser ICH von Birnen träumt, dann träumt das ES von Brüsten." Im Traum wird mir klar, woran ich nie im Traum gedacht hätte: Freeud will in meinen Traum, in meinen Kopf hinein. Wie zur Bestätigung springt Freud auf und dreht das Radio an:"I'll let you be in my dreams If I can be in yours" krächzt Bob Dylan aus dem Radio, - und Freud singt begeistert mit, im Traum ist alles ganz normal.

P.S: (Fast) alles, was Freud hier sagt (Übersetzung, pommes ou poires, Ersatz, Versagen, will), ist aus der Traumdeutung, in der ein Birnentraum genau so gedeutet wird. Bob Dylans "I'll let you be in my dreams If I an be in yours" stammt aus seinem Talking World War III Blues, mit dem ich mich auch noch beschäftigen werde.