Sonntag, 30. September 2012

Herrgott/Fraugott: Kain und Abel als Vegetarier und Fleischfresser



Ohne den semiotischen Blick vom Brudermord nehmen zu wollen, möchte ich die Kain-und-Abel-Story auch genderspezifisch untersuchen. Sofort fällt auf, dass – mit Ausnahme Evas, die die beiden Söhne gebiert,-  nur Männer beteiligt sind: der HERRgott, Kain und Abel sowie vielleicht der Teufel, den die Männer natürlich als die Schlange bezeichnen. Männer üben Gewalt aus und Männer erzählen die Geschichte der Gewalt. Vergessen wir nicht, dass wir uns hier auf das 4. Kapitel des 1. Buches Mose beziehen, d.h. auf männliche Geschichtsschreibung.

Ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn Eva zwei Mädchen geboren hätte? Vielleicht wäre es dann nie zu diesem Mordfall gekommen. Vielleicht hätte es der Herrgott als FRAUgott leichter über das Herz gebracht, beide Brandopfer seiner Kinder gnädig aufzunehmen oder überhaupt auf derartig zeichenhafte Opfer verzichtet. Es scheint statistisch naheliegend, dass Fraugott das vegetarische Opfer Kains dem Fleischopfer Abels vorgezogen hätte. Ich zumindest kenne mehr Vegetarierinnen als Vegetarier.

Obwohl ich in dieser Fragestellung - als advocatus diaboli - Ursache mit Wirkung verwechsle, die Kain-und-Abel-Geschichte ist ja ein nachträglicher und rückblickender Versuch, unsere gewalttätige Welt zu erklären und keine Blaupause für unser Leben seit der Erbsünde, führt auch sie uns weiter in Richtung Semiotik. In Robert Anton Wilsons Lexikon der Verschwörungstheorien lesen wir, dass Henry Bailey Stevens die Geschichte von Kain und Abel als Lüge "dekonstruiert". Für Stevens steht der Ackerbauer Kain „für die einfache und ehrliche, nicht gewalttätige Menschheit im vegetarischen Zeitalter (...) in anderen Worten: für die guten Menschen.“ Erinnern wir uns: Ein Zeichen ist etwas, das für etwas anderes steht. Der Fleischfresser und Rinderschlächter Adam „repräsentiert“ (wieder ein semiotischer Terminus) für Stevens die aggressive Menschheit, die „solch üble Angewohnheiten wie Krieg, Sklaverei und Verbrechen eingeführt hat“. (Wilson, Lexikon der Verschwörungstheorien. S. 37f.)
Nach Stevens Ansicht sind in der Bibel die Rollen absichtlich vertauscht worden: in (seiner) Wahrheit ist Abel der Mörder, Kain das Opfer und die Bibel lügt.

Die Frage nach dem Verhältnis der Zeichen zur Realität und damit zur Wahrheit bzw. Lüge wird in semiotischen Analysen immer wieder zur Sprache kommen, ebenso, wie die Versuche, mit magischen Zeichen wie Opfern, Zaubersprüchen, Beschwörungsformeln oder Knoblauchzehen zu operieren. 
Sogar vom Knoblauch kann man eine Spur zu Kain und Abel zurückverfolgen, wenn man John Steinbacher glaubt, der meint, Kain, der erste Mörder, wäre auch der erste Vampir gewesen, da er aus einer Verbindung Evas mit der Schlange hervorgegangen sei. (Wilson, Lexikon der Verschwörungstheorien. S. 36). Es ist auch in dieser alttestamentarischen Argumentationslinie folgerichtig, dass jeder Vampir vor Knoblauch zurückschreckt, wie ich im ersten Post (Warum hilft Knoblauch gegen Vampire?) zu erklären versucht habe. 

Bevor wir zur Semiotik der Vampire und Vampirjäger abschweifen, die in diesem Blog noch an mehreren Stellen zur Sprache kommen wird, ist es notwendig, im nächsten Post - endlich - einen genuin Semiotischen Blick auf Kain, Abel und den Gott des Alten Testaments zu werfen. 

Samstag, 29. September 2012

Kain auf der Couch


Im Gegensatz zur theologischen geht es bei einer anthropologischen Betrachtungsweise um das Verhältnis der Menschen zueinander, das schon bei den Römern auf den Begriff „homo homini lupus“ gebracht wurde: der Mensch verhält sich seinen Mitmenschen gegenüber wie (eigentlich: „schlimmer als“) ein Wolf. Ob dieses bestialische (auch hier gilt zu Ehrenrettung der Tiere: „menschliche“) Verhalten in unserer Natur liegt oder ob eher die sozialen Umstände, die Erziehung, die gute Gelegenheit und der Druck der Verhältnisse für Verbrechen und Gewalt verantwortlich sind, ist umstritten, wie die Nature-Versus-Nurture – Debatte zeigt.
Kain und Abel waren – ohne Verwaltungsapparat, Beamtentum und Staat – nahe am Naturzustand, den man sich paradiesisch oder höllisch vorstellen kann. War Abel der „edle Wilde“ von dem Rousseau geträumt hat? War Kain der „wilde Wilde“, vor dem uns Thomas Hobbes und Sigmund Freud warnen?
Psychologische Experimente wie das Milgram-Experiment und das Stanford-Prison-Experiment lassen vermuten, dass (fast) jeder unter Druck zum Monster wird, Kain stand zweifellos unter psychischem Überdruck.
Wenn man sich fragt, ob Kain ein geborener Verbrecher war, landet man einerseits im Spannungsfeld der Genetik zwischen Eugenik (= Züchtung eines schöneren und besseren Lebens) und Euthanasie (= schöner Tod, negativ formuliert: Ausrottung minderwertigen Lebens) und andererseits der Kriminalpsychiatrie und –psychologie. Aber die Frage nach dem geborenen Verbrecher führt auch direkt zu einer semiotischen Frage: kann man von außen (= am Körper) sehen, dass innen (= im Geist) ein Ungeheuer steckt? Gibt der Körper des Bösen den Mitmenschen Zeichen? Die Sprengkraft dieser Frage ist offensichtlich, trotzdem bleiben wir noch kurz bei einer psychologischen Analyse.
Mit Sigmund Freud, der ebenso wie Sherlock Holmes in diesem Blog immer wieder als Zeichenleser auftauchen wird, womit nicht behauptet werden soll, Freud lese alle Zeichen richtig bzw. ich könnte alle Zeichen richtig à la Freud lesen, könnte man auf Kains Todestrieb verweisen, der sich als Destruktionstrieb nach innen (gegen Kain selbst) und nach außen (gegen Abel) wenden kann.
Es ist zweifellos selbstzerstörerisch, wenn man im Angesicht eines allwissenden Gottes den eigenen Bruder erschlägt. Dazu kommt, dass dieser Mordfall strukturell ein Locked Room Mystery ist. Zudem liegt die Lösung auf der Hand, da niemand „von außen“ den Mord begangen haben kann. Wie bereits erwähnt, gibt es außer Adam, Eva, Kain und vielleicht noch der Schlange keine möglichen Täter. Eine Leiche und ein Motiv gibt es sehr wohl: iratusque – und Kain war zornig.
Man kann sich gut in die Gefühlslage von Kain versetzen, wenn man die Situation z.B. in den Lift eines Hotels verlegt. Stellen wir uns vor, zwei Brüder wollen mit dem Lift in den 10. Stock fahren. Sie sind allein im Lift, bis er im 5. Stock anhält und – völlig unerwartet – der geliebte Großvater der beiden einsteigt. Beide Brüder grüßen den Großvater herzlich und freudig überrascht: „Ich freue mich, Dich zu sehen!“ Der Alte reagiert jedoch nur auf einen seiner Enkel, den anderen lässt er „links liegen“ und blickt ihn nicht einmal an. Der Enkel, mit dem der Großvater den Dialog verweigert, wird dies zweifellos als Zeichen der Verstimmung interpretieren und selbst verstimmt bzw. gekränkt sein.

Bei der psychologischen Analyse des Mordfalls ist die Kränkung (darin steckt: Krankheit) das wichtigste Element. Kain hätte zahllose andere Möglichkeiten gehabt, seine Frustration zu bewältigen: Er könnte den Ärger in sich hineinfressen, aber dann hätten wir keine dramatische  Geschichte. Filme wie Falling Down (1993) leben davon, dass die Hauptfigur ihren Frust in Action umwandelt und auslebt.
Kain hätte den Trieb sublimieren und stattdessen eine Mordgeschichte schreiben können. Der Semiotiker Umberto Eco sagte, er habe seinen Weltbestseller Der Name der Rose geschrieben, weil er Lust gehabt habe, einen Mönch zu töten. Kain hätte Abels Tiere töten (opfern) können, um Abel zu erniedrigen. Kain hätte den Herrgott selbst attackieren können, sich stattdessen in Psychotherapie begeben, buddhistisch gelassen durchatmen oder sich einfach aus dem Staub machen. Er musste jedoch seinen Zorn auf seinen kleinen Bruder projizieren und ihn erschlagen, denn nur so kann diese Geschichte als vielschichtiges Erklärungsmodell für den Zustand der Welt herhalten.
Mittlerweile sind wir Morde so gewohnt, dass ein Mord, und sei es auch am eigenen Bruder, nicht mehr zur Unterhaltung ausreicht. Wäre Kain gegen Abel eine moderne Hollywood-Story, würde Kain als serial killer nicht nur Abel erschlagen, sondern auch Adam, Eva, die Schlange und alles, was sonst noch kreucht und fleucht. Aber dann wäre es schwierig, eine Fortsetzung zu finden.

Freitag, 28. September 2012

Sexy Terminology:Stupid Cupid!


Um zu zeigen, was eigentlich den Semiotischen Blick ausmacht, um den es in diesem Blog geht, werde ich am Beispiel der Kain-und-Abel-Story auch die theologischen, anthropologischen, psychologischen und genderspezifischen Erkenntnisinteressen - natürlich stark verkürzt - darstellen. Damit tritt die Differenz zum Semiotischen Blick hervor. Es wird aber auch klar, dass die oben erwähnten Methoden teilweise auch auf semiotische Konzepte zurückgreifen. Im letzten Post habe ich anhand von Indices wie der „Schusswunde“ in Abels Schulterblatt gezeigt, dass die historische (hier besonders: forensische) Methode auch auf das richtige Lesen von Zeichen angewiesen ist. Nun ein kurzer Blick auf mögliche theologische Interpretationen.

Eine theologische (= Gottes Motive, Willen, Taten und die dahinter stehende „Logik“ auslegende) Interpretation des biblischen Lehrstücks von Kain, Abel und den Opfern wird über „Gott und die Welt“ (in dieser Reihenfolge) nachdenken und dabei z.B. der Frage nachgehen, was wir aus dem Mordfall über Gottes Verhältnis zu uns lernen können. (Nebenbei: zur Schwierigkeit, "logos" nicht nur in der Kombination "theo-logie" zu übersetzen, siehe Goethes FAUST).
Wir könnten den Brudermord als Zeichen für die prinzipielle Freiheit des menschlichen Willens interpretieren, die Tatsache, dass Gott den Mord zugelassen hat, als Zeichen seines Wunsches, uns auf die Probe zu stellen. Damit sind wir bei einem sehr offenen und fast allumfassenden Zeichenbegriff.
Zeichen im engeren Sinn sind die beiden Brandopfer, die von den Brüdern zweifellos auch als Zeichen gedacht waren. Kain hat die Früchte des Feldes nicht aus Übermut verbrannt, zum Zweck der Aschedüngung oder um Überproduktion zu vernichten, damit die Marktpreise stabil bleiben. Dasselbe gilt für Abel, auch er hat Fleisch und Fett für einen höheren kommunikativen Zweck verbannt: als Botschaft an den Herrn. Damit erfüllen beide Opfer eine Grundbedingung der Zeichentheorie, indem sie „für etwas anderes“ stehen: Herrgott, wir glauben an Dich, wir achten und respektieren Dich. Die Opfer sind der Beginn eines Dialoges mit dem Jenseits. Kain und Abel sind die Sender, Gott ist der Empfänger.

In der theologischen Tradition wird man sich fragen, wieso der Herrgott diese beiden Zeichen (= die Opfer) unterschiedlich aufnimmt. Theologen sinnieren wie oben erwähnt seit jeher über Gottes Pläne, Absichten, Motive und die Zeichen, die er setzt (oder auch nicht): „Wo war Gott, als Kain Abel erschlug?“ "Wo war Gott in Auschwitz?"„Warum hat er kein Zeichen gesetzt?“

Man könnte soweit gehen, zu fragen, warum Gott, nachdem er doch mit Adam und Eva schlechte Erfahrungen gemacht hat, es zulässt, dass die beiden sich vermehren, noch dazu wo ihm doch klar sein muss, dass die Erbsünde, wie es im Deutschen abweichend vom Lateinischen „peccatum originale“ (=ursprüngliche, erste Sünde) treffend heißt, durch Sex übertragen und vererbt wird. Obwohl diese Frage mehr als naiv ist, da sie Ursache (Menschsein) und Wirkung (Religion) auf den Kopf stellt, bereitet sie der christlichen Theologie einige Schwierigkeiten, wie aus der spitzfindig-dialektischen Antwort ersichtlich ist, die der Katechismus gibt, wenn er darauf verweist, dass bei der Weihe der Osterkerze folgender Vers gesungen wird: „O glückliche Schuld, die einen solchen großen Erlöser zu haben verdient hat!“ (Katechismus, S.136). 

Zusätzlich findet man im Katechismus den heutzutage wohl nur noch Eingeweihten geläufigen Begriff der Konkupiszenz: „Infolge der Erbsünde ist die Natur in ihren Kräften geschwächt, der Unwissenheit, dem Leiden und der Herrschaft des Todes unterworfen und zur Sünde geneigt. Diese Neigung heißt Konkupiszenz.“(Katechismus. S.137). 
Es scheint fast so, als wäre hier der Rückgriff auf eine aus heutiger Sicht hermetische und doch - wie ich gleich zeigen werde - eigentlich sexy Terminologie ein Zeichen für den Argumentationsnotstand, in den man gerät, wenn man – wie oben beschrieben – Ursache und Wirkung verwechselt bzw. "logos" mit Logik und Vernunft gleichsetzt. In der  Kon-kupi-szenz ist Cupido versteckt, der Gott des Begehrens, der Lust und der Liebe: der kleine (B)Engel mit dem Bogen. Amor, Eros, Cupido:
It's the concupiscence, stupid! (Connie Franicis hatte mit Stupid Cupid einen Hit in den späten 50er Jahren).

Begierde und Begehren führen uns von der theologischen (gr. theos, lat. deus = Gott) zu einer anthropologischen (gr. anthropos = Mensch) und somit psychologischen (psyche = Geist) Perspektive auf Kain und Abel, die sich nicht für die Motive Gottes sondern die Motive und Emotionen der Menschen interessiert, - und für die Zeichen, mit denen sie diese Emotionen ausdrücken. 

Donnerstag, 27. September 2012

Skull and Bones: Abel und das Einschussloch



„Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“,  behauptete Wolf Wondratschek vor fast einem halben Jahrhundert. Beginnen wir nach diesem Motto mit einer historischen (und in diesem Fall meistens wohl auch: kreationistischen) Betrachtungsweise des Falles Kain vs. Abel, indem wir wie Heinrich Schliemann auf der Suche nach Troja davon ausgehen, dass Kain und Abel (Kreationisten ergänzen voll Überzeugung, Kritiker ironisch: und der Herrgott!) tatsächlich gelebt haben.

In der Folge werden wir wissen wollen, wann und wo der Mord stattgefunden hat und ob es dafür noch Indizien(beweise) gibt. Wie werden versuchen, den Tatort zu lokalisieren, um dort z.B. den eingeschlagenen Schädel von Abel oder das Einschussloch in Abels Schulterblatt zu finden. (Ich werde gleich noch auf die Schusswunde zu sprechen kommen.)

Was dem aufgeklärten Geist verrückt erscheinen mag, ist für fundamentalistische Gläubige normal: angeblich ist die Kirchengeschichte reich an mehr oder weniger geschmackvollen „historischen Reliquien“; der Bogen reicht von Fläschchen, die die Muttermilch Mariens oder die Atemluft Jesu enthalten, bis zu – man glaubt es kaum - Federn von der Taube des Heiligen Geistes, wie der Theologe Horst Herrmann schreibt.

Ich werde auf den semiotischen Charakter einer archäologischen und forensischen Spurensuche im Zusammenhang mit realen oder vermeintlichen Index-Zeichen noch ausführlich eingehen, um die Differenzen zum sowie die Gemeinsamkeiten mit dem semiotischen Blick zu analysieren.
Hier nur eine kurze Vorschau: Der Meistersemiotiker Charles Sanders Peirce, der eine Einteilung der Zeichen in Index-Ikon-Symbol-Klassen vorschlug, beschreibt die Index-Zeichen am Beispiel eines Schusses. Laut Peirce ist ein Einschussloch ein Indexzeichen, weil es aufgrund einer realen Verbindung (im Original: „real connection“ an anderer Stelle auch “real relation“) auf einen tatsächlich abgefeuerten Schuss hinweist. Peirce betont auch, dass das Einschussloch auch dann „ein Zeichen“ für den Schuss, der es verursacht hat, ist und bleibt, wenn sich niemand findet, der das Einschussloch wahrnimmt oder der klug genug ist, vom Loch im Knochen auf den Schuss zu schließen. 

Die alten Texte lassen uns im Unklaren darüber, wie Kain seinen Bruder ermordet hat. In der Vulgata lesen wir: interfecit. Das bedeutet „töten“, „umbringen“, „vernichten“. Ob Abel erwürgt oder erschlagen wurde, ob mit der Faust oder dem Faustkeil, ist unklar und damit ein Fall für die forensische Anthropologin Dr. „Bones“ Brennan,  der wir wie allen MeistersemiotikerInnen und Archetypen des Indizien-Lesens gerne zuschauen.

Mittwoch, 26. September 2012

Kain, Abel, der Herrgott und die Zeichen


Werfen wir einen semiotischen Blick auf eine der ältesten und bekanntesten Kriminalgeschichten der Welt: Kain erschlägt seinen jüngeren Bruder Abel. Ich schreibe bewusst Kriminalgeschichte (lat. crimen = Verbrechen) und nicht Detektivgeschichte (vgl. engl. detect  = aufdecken), da der Herrgott der Torah bzw. des Alten Testaments ohnedies von Anfang an immer alles weiß. Daher muss er den Brudermord nicht erst post festum als Detektiv à la Sherlock Holmes aufklären. Dazu kommt, dass Kains Blut quasi von selbst zum Himmel „schreit“, wie es in der Bibel so schön heißt. Außerdem gab es damals ohnehin nicht viele Verdächtige außer Adam, Eva, Kain und vielleicht noch der Schlange. Obwohl Kriminalgeschichten definitonsgemäß semiotisch anspruchsloser sind als Detektivgeschichten, lässt sich gerade an dieser archaischen Kriminal-Dreiecksbeziehung zeigen, wie sehr sich eine semiotische Analyse von anderen Interpretationen und Erkenntnisinteressen unterscheidet.

Das Unheil beginnt - zumindest dramaturgisch - damit, dass Kain und Abel dem Herrn Opfer bringen. Der weitere Verlauf wird im 1. Buch Mose, Kap. 4 so erzählt:

„Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. (.....) Und es begab sich, da sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“
Der Herrgott, der alles sieht und weiß, stellt Kain zu Rede und verflucht ihn. Kain bekommt es mit der Angst zu tun, selbst zum Mordopfer zu werden, aber der Herr erweist sich als aktiver und weitblickender Semiotiker: „(...) der HERR machte ein Zeichen an Kain, daß ihn niemand erschlüge, wer ihn fände.“

Dieser semiotische Schlussakt ist die auffälligste aber bei weitem nicht die einzige Zeichenoperation, die diese Geschichte charakterisiert. Bevor wir genauer auf das semiotische Ping-Pong zwischen Kain und dem Herrgott eingehen, ist noch eine – ebenfalls semiotische – Richtigstellung angebracht: Natürlich stimmt meine einleitende Behauptung, „Der weitere Verlauf (werde) im 1. Buch Mose, Kap. 4 so erzählt“, nicht ganz. Sprachlich ist die Version, die ich zitiert habe, vermutlich die Bearbeitung einer Übersetzung einer Übersetzung einer Übersetzung. Schon allein die Grundsatzfrage, ob heilige Texte als Wort eines Gottes/einer Göttin oder seiner/ihrer ProphetInnen überhaupt aus einem Originalzeichensystem (wenn es denn ein Original gibt) in andere Zeichensysteme (Sprachen, Bilder) übersetzt werden dürfen, ist bei kirchlichen Autoritäten  – je nach Religionszugehörigkeit – teilweise höchst umstritten. Wenn die Übersetzung an sich erlaubt wird, dann wird in der Folge logischerweise die Frage nach der „richtigen Übersetzung“ zur Streitfrage, an der sich Glaubenskriege entzünden können, wie wir von Martin Luthers Maxime „sola scriptura“ - nur die (heilige) Schrift ist ausschlaggebend - und den Reformationskriegen wissen.

Ich werde die Frage der Übersetzung als semiotischer Operation, bei der es um weit mehr geht, als den Versuch, die Zeichen einer Sprache durch die möglichst „entsprechenden“ Zeichen einer anderen Sprache zu ersetzen, noch ausführlich behandeln. Da in diesem Abschnitt jedoch der „semiotische Blick“ im Vordergrund steht, genügt es vorerst, wenn wir vom genauen Wortlaut, den Details und den Variationen der zahlreichen Übersetzungen absehen, und uns an die Grundstruktur, das Skelett der Geschichte, halten:

1) Adam und Eva haben mehrmals Sex miteinander und Eva gebiert zwei Söhne. (Sex wurde oft als „Adam erkannte Eva“ eingedeutscht, - soviel an dieser Stelle doch noch zu „sola scriptura“, später dazu mehr).
2) Beide Söhne bringen dem Herrgott Opfer dar.
3) Kains Opfer wird – zumindest nach Kains Ansicht (!) – vom Herrgott schlechter bewertet als Abels Opfer.
4)  Kain erschlägt Abel.
5) Der Herrgott verflucht ihn und setzt (nicht nur damit) ein Zeichen.

Obwohl diese Geschichte Jahrtausende alt ist, ist sie noch immer fester Bestandteil unseres kulturellen Wissens. Das hängt damit zusammen, dass man sie, wie jede gute Geschichte, von historischen, theologischen, anthropologischen, psychologischen oder auch genderspezifischen Blickwinkeln aus immer wieder neu betrachten kann. Diese Betrachtungsweisen sollen im Folgenden jeweils kurz skizziert werden, um die Differenz zum Semiotischen Blick, der Analysemethode, die im Zentrum dieses Blogs steht, hervorzuheben.

Dienstag, 25. September 2012

Der Böse Blick, das magische Auge und Michael Jacksons Griff in den Schritt

Der böse Blick verbindet Dracula mit Sigmund Freud auf vielen Ebenen, wie so viele andere Elemente, an denen ich derzeit arbeite. Dracula hat einen hypnotischen Blick, er mesmerisiert Männer und vor allem Frauen, wie wir vor aus frühen Vampirfilmen wissen. (Der einstige Superstar Mesmer ist einen eigenen Eintrag wert, hat er es doch geschafft, seinen Namen in der Sprache  - "mesmerisieren", auch engl. "mesmerise" -  zu hinterlassen.)
Bekanntlich hat die Psychoanalyse ihre Wurzeln in der Hypnose, Freud selbst arbeitete zuerst als Hypnotiseur, um ins Unbewusste vorzudringen, bevor er allein der Kraft der Rede der Patienten und der freien Assoziation - als einer Art Selbsthypnose - vertraute.
Im Zusammenhang mit der in meinem Knoblauch-Post erwähnten uralten Idee, Gleiches mit Gleichem (oder zumindest Ähnlichem) zu bekämpfen, ist es "logisch", dass die Amulette gegen den bösen Blick - naturgemäß - wie Augen aussehen.
Die Psychoanalyse hat sich immer für Augen (z.B. Freud, wenn er über den Sandmann schreibt) und für die Angst vor dem bösen Blick, die als Kastrationsangst interpretiert wurde, interessiert. In der von Sigmund Freud herausgegebenen Zeitschrift IMAGO, dem offiziellen Organ(!) der psychoanalytischen  Vereinigung, hat der italienische Psychoanalytiker Emilio Servadio 1936 einen Artikel mit dem Titel "Die Angst vor dem bösen Blick" veröffentlicht, in dem er darauf hinweist, dass man/Mann sich im Süden  an die Hoden greift, wenn man meint, vom bösen Blick getroffen worden zu sein: "wenn es die äußeren Umstände irgendwie zulassen", wie Servadio schreibt.
Wenn er jemals als Zeitreisender bei einem Michael-Jackson-Konzert gewesen wäre, hätte er sich wohl gewundert, unter welchen Umständen man sich öffentlich, auf einer Bühne vor den Augen Tausender Zuseher "in den Schritt" greifen kann. Wenn es die Umstände jedoch ganz und gar nicht zulassen, wenn man kein Rock/Pop/Hip-Hop-Star ist, dann berührt man statt der eigenen Testikel "männliche" Gegenstände wie Schlüssel, Hörner, Elefanten mit aufgehobenem Rüssel (werden tatsächlich von Servadio erwähnt, so als hätte man das immer zur Hand) oder, wie Servadio ebenfalls schreibt, Eckzähne, - womit wir wieder bei Dracula, dem Knoblauch und dem Pfahl wären. Draculas Eckzähnen (= den symbolischen Vertretern seiner Hoden) halten wir den Knoblauch und den Pfahl entgegen: Zeichen gegen Zeichen, weiße Magie gegen Mesmerismus.

Sonntag, 23. September 2012

Warum hilft Knoblauch gegen Vampire?

Willkommen zu meinem Zeichen-Blog, bei dem es um einen "semiotischen Blick" auf die Medien und vor allem die Populärkultur geht.
Zu Beginn gleich zur Frage: Warum hilft Knoblauch gegen Vampire? Warum nicht Brokkoli oder Buchstabensuppe? Diese Frage ist angesichts meines Vortrags in Lockenhaus, den ich am 19. September anläßlich des dortigen Bildhauer-Symposions zum Thema "Kreaturen der Nacht" gehalten habe, wieder aufgetaucht. Beim abendlichen Festessen wurde Knoblauch serviert.

Die Dracula-Diegese (die Welt, in der es Dracula gibt) ist voll mit magischen Zeichen:  Spiegel, die kein Spiegelbild werfen, Kreaturen, die im Sonnenlicht - in fast forward - verrotten, scheibar übermächtige Untote, die wie kleine Mädchen kreischend vor einer Knoblauchknolle zurückschrecken.
Seit vielen Jahren versuche ich, meine Antwort auf die Knoblauch-Frage "unter die Leute" zu bringen, aber in den meisten Radio- und Fernsehinterviews fällt gerade dieser Gedanke "unter den (Schneide)-tisch. Meine Antwort lautet: Knoblauch hilft gegen Vampire weil Walnüsse gegen Kopfschmerzen helfen! Oder, noch deutlicher: Knoblauch hilft gegen Vampire, weil Walnüsse gegen Kopfschmerzen helfen und weil Spargel ein biologisches Viagra ist!
Natürlich lassen sich für Knoblauch einige beinahe "naturwissenschaftliche" Argumente anführen:
Knoblauch soll blutreinigendend wirken, Knoblauch ist ein Heilmittel in der Volksmedizin, Knoblauch stinkt und so treten wir dem Blutsauger, dessen Atem ganz besonders grausam stinkt, wie wir aus Bram Stokers Dracula wissen, selbst mit stinkendem Atem gegenüber. Wir vergelten nach einem homöopathischen Prinzip gleiches mit gleichem. Aber aller diese Argumente gelten auch für Zwiebeln. Warum also gerade Knoblauch? Warum verfällt Dracula in Panik wie ein Mensch, der eine Spinnen-, Schlangen- oder sonstige Phobie hat.
Knoblauch ist weiß, das ist die Farbe der Unschuld. Eine Knoblauchknolle sieht aus wie ein Hodensack und ist daher ein ZEICHEN für die Lebensenergie. Wie wir bei Michel Foucault, Blumenberg u.a. nachlesen können, ist das Mittelalterliche Denken ganz besonders von der Idee der Ähnlichkeit besessen: was einander ähnelt, steht auch in einer Wirkungsbeziehung. Die Walnuss ist außen hart und sieht aus wie ein verkleinerter Schädel, innen finden wir ein kleines weiches Gehirn, Spargel sieht aus wie die Wirkung, die er hervorrufen soll. Wenn wir dem Untoten eine Knoblauchknolle entgegenhalten, dann halten wir ihm unsere Lebenskraft, die cojones entgegen.  Entsprechend der Mittelalterlichen Volksfrömmigkeit, in der die Kirche kein Problem darin sah, Fläschchen mit der Atemluft Jesu oder der Muttermilch Mariens zu echten Reliquien zu erklären, könnte man noch einen Schritt weitergehen: Die Farbe Jesu ist weiß. Jesus ist ein positiver Untoter, er ist aus dem Grab auferstanden und hat den Tod besiegt. Mit der weißen Knoblauchknolle halten wir den untoten Blutsaugern daher den Hodensack des Heilands entgegen. Gepaart mit dem Pfahl (dem Penis von Pan) wird das Bild eindeutig und Draculas panische Angst verständlich. Nach diesen Überlegungen wird auch verständlich, warum Brokkoli oder Buchstabensuppe diese Aufgabe nicht erfüllen können Auch die rätselhafte Szene in Polanskis Tanz der Vampire, in der ein Vampir vor einem Kruzifix NICHT zurückschreckt, lässt sich nach diesem Muster semiotisch erklären.