Dienstag, 30. Oktober 2012

Die verfli-x-te Taschenuhr


Mein Großvater hat von meinem Ur-Großvater eine kaputte Taschenuhr geerbt, die niemand reparieren konnte. Aber auch nach einer Reparatur wäre diese Uhr unbrauchbar geblieben, denn das Zifferblatt zeigte 10 Stunden an, oben war ein X anstelle der Ziffer 12, unten ein V.

Uhren mit Zeigern und Zifferblatt repräsentieren das alte Weltbild vor Kopernikus und Galileo: der Mensch blickt von oben auf sich selbst, er sieht sich im Mittelpunkt des Zifferblatts, alles dreht sich um ihn. Die Sonne, manchmal als Kreis an der Spitze des Stundenzeigers abgebildet, zieht ihre Bahn rund um die Erde. Bezugspunkt ist die Stellung der Sonne zum Betrachter, der mit der Hand (hand ist der englische Ausdruck für Zeiger) auf die Sonne zeigt, die zu Mittag am höchsten Punkt steht: high noon.

Die ersten Uhren mit Zifferblatt (Karl Valentin würde auf Ziffer-n-blatt bestehen, nach seiner Semmel-n-Knödel-n-Logik) waren Ein-Hand-Uhren mit einem Stundenzeiger; der Minutenzeiger kam erst später dazu, als die Uhrwerke genauer wurden. 
Ein Zifferblatt, das eine vollständige ikonische Abbildung der „Kreisbahn“ der Sonne um die Erde darstellt, umfasst – nach unserer Einteilung – 24 Stunden.  24-Stunden-Uhren sind meines Wissens nicht sehr weit verbreitet. Bei diesen Uhren zeigen beide „Hände“ um Mitternacht direkt nach unten, wo bei „konventionellen“ Uhren, die Tag und Nacht als 12-stündigen Vormittag (ante = vor) und ebenso langen Nachmittag (post = nach) übereinander blenden, 6 Uhr ist.

Der Begriff „konventionell“ ist ein zentraler Terminus der Semiotik, der auch im Zusammenhang mit Uhren wichtig ist, deren 12- bzw. 24- Stunden Einteilung uns so sehr in Fleisch- und Blut übergegangen ist, dass sie uns natürlich erscheint. Tatsächlich ist diese Einteilung ähnlich konventionell wie die Bedeutung Stop für die rote Verkehrsampel (dazu mehrere Posts von mir, besonders: Red Revolutions per Minute).
In Zeiten der Französischen Revolution wurde auch die Zeitrechnung umgestellt. Aus dem, wie die Revolutionäre sagten, „vulgären“ 12-Stunden-Tag wurde ein „vernünftiger“ 10-Stunden-Tag. Die alten Uhren brauchten neue Zifferblätter. Diese neue Zeitrechnung setzte sich bekanntlich ebensowenig durch wie die 10-Tage-Woche. Man kann jedoch in französischen Museen noch Uhren finden, die ein Zifferblatt mit 10 Stunden haben. 

Heute könnte man diese „unkonventionellen“ und damit im Alltag unbrauchbaren Uhren noch verwenden, um den Teufel zu verwirren.
Auf der Insel Malta habe ich eine Kathedrale gesehen, die zwei Türme hat, an denen je eine Turmuhr angebracht ist. Diese beiden Uhren zeigen nie dieselbe Zeit an. Eine der beiden Uhren wird absichtlich immer so eingestellt, dass sie falsch geht, denn die Malteser glauben, dass der Teufel eine Liste hat, in der die Todesstunde seiner Opfer vermerkt ist. 
Mit dieser Liste kommt er auf die Erde, um sich die verdammten Seelen zu holen. Wenn er jedoch nach Malta kommt und die beiden unterschiedlichen Uhren sieht, ist er verwirrt, weil er nicht weiß, welche Uhr die richtige Zeit anzeigt. Bekanntlich hat der Teufel keine eigene Uhr, auf die er sich verlassen könnte! 
In dieser kurzen Zeit der Verwirrung hat die Seele der Verstorbenen Zeit, in den Himmel zu gelangen.
So oder so ähnlich wird diese Geschichte an vielen Orten der Welt erzählt. Aus Irland (und als Filmtitel) kennen wir dazu den frommen Wunsch: May you be in heaven half an hour before the devil knows you're dead.

Samstag, 27. Oktober 2012

Salomo und die Sensenfrau

In einem der letzten Posts habe ich über die Sonnenuhr als Index-Zeichen geschrieben, heute beschäftigt mich die Uhr mit der Wespentaille: die Sanduhr, das Stundenglas, die Eieruhr. Das Stundenglas ist eine Uhr, die in einem Korsett eingeschnürt ist und uns den Atem raubt. Sie ist aus semiotischer Sicht ikonisch und symbolisch bemerkenswert.

Kehren wir kurz zur indexikalischen Sonnenuhr zurück: die Sonne treibt den von ihr geschaffenen Finger-Schatten unaufhaltsam weiter und gibt uns damit einen Fingerzeig(er):  der Begriff index leitet sich vom lateinischen Zeigefinger ab. Sonnenuhren vermitteln ein Gefühl der Wiederkehr, denn die Sonne kehrt - so scheint es - jede Nacht an ihren Ausgangspunkt zurück, um „wiedergeboren“ zu werden (renascens), wie es in den uralten Sprüchen heißt, die König Salomo zugeschrieben werden (Qoheleth, Ekklesiastes).

Einer der bekanntesten dieser Sprüche lautet Nihil sub sole novum  = Es gibt nichts Neues unter der Sonne; ein offener Hinweis auf die Wiederkehr des Immergleichen. Es entspricht der fatalistisch-depressiven Grundhaltung von Salomons Sprüchen, dass dieses Immergleiche, wie Luther übersetzt, „eitel“ ist; wir würden heute sagen „bedeutungslos“, „vergänglich“, „nur ein schöner Schein", „eine Täuschung", "nichts als Wahn.“  
Vanitas steht an dieser Stelle in der Vulgata, die unsere eigene Vergänglichkeit direkt anspricht. „Alles hat seine Zeit“, heißt es dort: tempus nascendi et tempus moriendi – a time to be born, a time to die, wie Pete Seeger Jahrhunderte später singen wird.

Eines der bekanntesten Symbole der Vanitas ist das Stundenglas. Während Sonnenuhren und Uhren mit einem Ziffernblatt die Zeit als Zeitkreis oder unendliche Schleife ikonisch abbilden, zeigt das Stundenglas deutlich, dass unsere Zeit abläuft und begrenzt ist. Oberhalb der Wespentaille ist die Zukunft, unterhalb die Vergangenheit, dazwischen verrinnt die Zeit.
Sanduhren haben eine objektive Eigenschaft, die wir als subjektive Zeitwahrnehmung schmerzlich erfahren: je länger der Sand durchrieselt, je mehr Zeit vergeht, desto größer wird – durch mechanische Abnutzung - der Durchgang. Im Lauf der Zeit kann immer mehr Sand durchfließen, die Zeit verfliegt immer schneller. Genau so erfahren wir die Zeit, wenn wir  - mechanisch abgenutzt - älter werden. Je mehr Gegenwart wir erlebt haben, desto schneller vergeht sie. 
Wenn alle Körner durch die kleine Öffnung gerieselt sind, dann ist es aus mit uns: „jede Stunde schmerzt uns, die letzte tötet“ steht auf manchen alten Uhren.

Dass die Sanduhren ikonisch der Korsett-Figur einer Frau entsprechen, lädt das Symbol noch stärker auf, vor allem in vielen romanischen und slawischen Sprachen, in den der Tod weiblich ist: wenn unsere Zeit abgelaufen ist kommt die Sensen-frau, la mort. Und dann spielt es keine Rolle mehr, ob unsere Rolex echt oder gefälscht ist, man kann sie ohne hin "net mitnemma" wie der bayerische Arzt und Kabarettist Georg Ringsgwandl zu Bob Dylans Musik singt:

Hey, du konnst Ministerpräsident sei von am Staat,
Der im Rüstungsgschäft prozentual die Finger hot.
Du konnst Kardinal sei, schee feierlich und fett,
Oder frommer Pfarrer, mit Zölibat und Doppelbett.

Doch des konnst du net mitnehma,
Naa, des konnst du net mitnehma.
Frog amoi an Teife, frog an liabn Gott,
Und der sogt – „net mitnehma!“






Donnerstag, 25. Oktober 2012

Big brother is (s)watching you


Uhren sind mehr als Chronographen (Zeit-Auf-Schreiber), mehr als Zeichen für den Stand der Sonne im Verhältnis zu unserem eigenen Standpunkt. Warum sollte man(n) sonst eine gefälschte Rolex tragen, die die Zeit weniger verlässlich anzeigt als eine billige Swatch?

Aus semiotischer Sicht sind vor allem die sozialen Faktoren interessant, die mit Uhren verbunden sind. Schauen wir auf unsere Armbanduhr: sie hat uns am Gängelband. Wer eine Armbanduhr tragen muss, ist arm dran. Nicht die Uhr ist an uns angebunden, sondern wir an sie. „Big Brother ist watching you“ – darin steckt der Begriff „watch“ = „überwachen, bewachen, beobachten“ aber auch „Uhr“. Die wristwatch hat uns am Arm gepackt, der Griff ist fest, firm. 

Vor der Invasion der Plastikdinger waren auch die billigsten Armanduhren wertvoll, ein Gebrauchsgegenstand für Erwachsene und kein modischer Schnickschnack oder gar Kinderspielzeug. Die Uhr am Arm hat bekräftigt (confirmiert), dass man erwachsen geworden ist.
Im religiösen Sinn bekräftigt die confirmatio die Taufe, die dem Kind ja ohne dessen Zustimmung übergestülpt wird. Erst der/die Gefirmte ist stark genug, dem Teufel (Gott-sei-bei-uns) zu widerstehen und sich selbstverantwortlich zum Glauben zu bekennen. Dieser Gedanke ist auch in der Jüdischen Tradition präsent, Bar Mizwa bedeutet „Sohn der Pflicht“, mit anderen Worten, die neu erreichte Eigenverantwortlichkeit. Rede und Antwort stehen - etwa wenn man zu spät kommt.

Der religiöse Kontext kann nicht ausreichend erklären, warum ausgerechnet eine  Armbanduhr das traditionelle Geschenk bei der Firmung oder Konfirmation war. Den entscheidenden Hinweis findet man, wenn man an das zweite klassische Firmungsgeschenk denkt, das Fahrrad. Das Fahrrad braucht man nicht, um rechtzeitig zur Frühmesse in die Kirche zu kommen, sondern als billigstes mechanisches Transportmittel um rechtzeitig in die Fabrik zur Arbeit zu kommen. 

Die Armen schenken Ihren Kindern (mit oder ohne Firmung) eine Armbanduhr, um zu zeigen, dass die unbeschwerte Zeit der Kindheit und Jugend vorbei ist. 
Im Alter der Firmung steigen die Menschen, die nicht privilegiert sind, in den Arbeitsprozess ein. Sie sind damit nicht mehr Herr über ihre Zeit. Wer seine Arbeitkraft verkaufen muss, verkauft seine Zeit. 

Klischeehaft ausgedrückt: Der Boss hat eine Taschenuhr an einer Goldkette im Gilet, er hat die Zeit. Der Arbeitnehmer kann sich weder die Zeit nehmen, um eine Uhr aus der Tasche zu holen, noch hat er die Hände frei. Er kann nur, ohne sein Handwerk unterbrechen zu müssen, einen gehetzten Blick auf die Armbanduhr werfen.
Die Urvölker hatten keine Uhren. Sie haben sich nach dem Stand der Sonne, des Mondes und der Sterne gerichtet. Damit sind sekundengenaue Termine schwer möglich. 
Mittlerweile ist der Zeitdruck global so stark geworden, dass die Uhren als Zeitpeitsche unser Handgelenk verlassen haben, jetzt können sich Breitling&Co.dort als Schmuckstück und Statussymbol breit machen. Die neuen Herren der Zeit haben sich parasitär überall dort eingenistet, wo wir arbeiten und spielen: auf dem Computerbildschirm, auf dem Flachbild-Fernseher, dem Armaturenbrett und natürlich auf dem Handy.
Mein Wecker piepst - die Zeit, die ich mir für diesen Post genommen habe, ist abgelaufen.



 

Montag, 22. Oktober 2012

Eins, zwei, drei im Sauseschritt


Uhren sind Zeichen der Zeit; die Schatten der Sonnenuhr, die Zeiger/das Ziffernblatt analoger Uhren, die Zahlen der Digitaluhr und die Kirchturmglocken (wer die Macht hat, darf Lärm machen) „sagen“ uns auf unterschiedliche Weise, wie spät es ist. 
In den folgenden Posts werde ich von der Eieruhr über die Kuckucks-Uhr bis zur (gefälschten) Rolex einen semiotischen Blick auf die Zeitmesser und Taktgeber werfen.
Wenn man die klassische Peirce’sche Dreiteilung von Zeichen nützt, kann man die verschiedenen Uhren als a) primär indexikalische (direkte Spuren legende), b) primär ikonische (der Realität ähnliche, analoge) oder c) symbolische (konventionelle) Zeit-Zeichen-Maschinen klassifizieren; oft sind all drei semiotischen Elemente in/auf einer Uhr vereint.

Beginnen wir mit der ältesten Uhr der Welt. Jede Sonnenuhr ist ihrem Prinzip nach eine indexikalische Uhr, bei der ein Stab einen Schatten wirft, der anzeigt, wie spät es ist: right here/right now.
Schon in archaischen Gesellschaften hat man versucht, die Zeit durch die Länge und die Position eines Schattens (z.B. des eigenen Körpers) zu bestimmen. Der zeichengebende / schattenwerfende Stab einer Sonnenuhr gibt die wahre Ortszeit / wahre Sonnenzeit auf einem Zeitbogen an. So kombinieren Sonnenuhren den indexikalischen Schatten (als Vorläufer des Zeigers) mit einem ikonischen Himmelsbogen, der den scheinbaren Weg der Sonne, den Tagbogen, über das Firmament abbildet.

Wenn der Schatten in die Mitte des Bogens fällt, steht die Sonne für diesen Tag am höchsten Punkt: dann ist Mitt-Tag, high noon, Zwölf Uhr, wie man in der symbolischen Zeitmesser-Welt sagt.
Der Zeigestab, giechisch polus (vgl. eng. Pole) ist ein sturer Schattenwerfer, der keine Zeitzonen kennt, sich nicht nach den gesetzlichen Vorschriften für Sommer- oder Winterzeit richtet und nur für die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang taugt – und auch das nur, wenn die Sonne „scheint“. Die Sonne scheint zwar immer, es scheint nur so als schiene sie nicht immer, dafür bewegt sie sich nicht – es scheint nur so, als bewege sie sich - auch auf der Sonnenuhr.
Sonnenuhren zeigen nur dann die Zeit "richtig" an, man den Polstab auf die Erdachse (den Polarstern) ausgerichtet hat und wenn man seine Zeichen mithilfe eines Ziffernblattes richtig lesen lernt.
In unser Welt sind Sonnenuhren nur mehr als romantisches Element der Haus- und Gartengestaltung präsent, als Slowfood gegen die Hektik des Arbeitsalltags.

Im nächsten Post nehmen wir den Blick vom Firmament und beschäftigen uns mit der Uhr, die man(n) zur Firmung bekommt, - um im Arbeitsalltag zu bestehen.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Letzte Nacht bei Freud


Gestern konnte ich in mein Semiotisches Tagebuch keine Eintragung machen. Ich war den ganzen Tag „draamhappert“, auf hochdeutsch: verträumt, mit Träumen im Kopf, wörtlich traum(draaam)-häuptig(happert). In meinem Traum (eigentlich Traum im Traum), der mich den ganzen Tag verfolgt hat, war ich wie so oft in meinen Träumen bei Dr. Freud.

„Wie geht's wie stehts?“ kicherte Freud, so als würde er zum ersten Mal verstehen, woran ein Psychoanalytiker bei „Wie geht' Wie stehts?“ stets denkt. 
In meinen Träumen ist Freud immer gut aufgelegt. „Erzähl mir von Deiner Mutter“, sagte er; im Traum duzt Freud mich. Ich erzählte ihm also im Traum meinen Traum: ich liege im Bett (im Traum im Traum); meine Mutter kommt in mein Schlafzimmer  „aha“ – höre ich Freud sagen – und gibt mir eine Birne. „Aha“, sagt Freud wieder und dann „Birne, weiche Birne“.

Ich esse die Birne, der Saft rinnt mir aus den Mundwinkeln. Meine Mutter hat noch eine zweite Birne, die sie auf das Fensterbrett im Schlafzimmer legt. Das ist mein Traum. „Was fällt Dir dazu ein?“ fragt Freud. "Gar nichts", antworte ich. „Pommes ou poires“ singt Freud vor sich hin, „pommes ou poires“. Dann schnauzt er mich an: "Versager! Sag was!" Warum versagst Du? Sag, sag, sag!"
Tatsächlich fällt mir noch ein, dass ich nach dem Aufwachen (aus dem Traum im Traum, aber immer noch träumend) so von der Realität des Traums im Traum überzeugt war, dass ich unbedingt von meiner Mutter die zweite Birne haben wollte. „Will, will, will, will Dir sonst nichts einfallen?“ sagt Freud, während er wie Rumpelstilzchen um die Couch springt. Dann setzt er sich nieder und meint: "Ich werde den Traum nun übersetzen, die Birnen sind doch nur Ersatz. Die Birnen, die Birnen, die Birnen, das sind die weichen, saftigen Brüste unserer Mutter. Die Birnen sind ein Zeichen! Etwas, das für etwas anderes steht" - wieder kicherte Freud. "Eine Birne durftest Du essen, sie hat uns ja tatsächlich gesäugt, als wir noch ein Kind waren. Aber die zweite Birne dürfen wir nicht mehr bekommen, denn jetzt sind wir schon erwachsen." Freud seufzte. "Diese Birnen hat uns die Mutter - nein der Vater - versagt. Vaterversager, Versagervaterunser. Wenn unser ICH von Birnen träumt, dann träumt das ES von Brüsten." Im Traum wird mir klar, woran ich nie im Traum gedacht hätte: Freeud will in meinen Traum, in meinen Kopf hinein. Wie zur Bestätigung springt Freud auf und dreht das Radio an:"I'll let you be in my dreams If I can be in yours" krächzt Bob Dylan aus dem Radio, - und Freud singt begeistert mit, im Traum ist alles ganz normal.

P.S: (Fast) alles, was Freud hier sagt (Übersetzung, pommes ou poires, Ersatz, Versagen, will), ist aus der Traumdeutung, in der ein Birnentraum genau so gedeutet wird. Bob Dylans "I'll let you be in my dreams If I an be in yours" stammt aus seinem Talking World War III Blues, mit dem ich mich auch noch beschäftigen werde. 

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Die Göttin der Morgenröte


Meinen nächsten Posts widmen sich semiotischen Analysen im Zusammenhang mit der Zeit und Zeitmessung; es wird um Uhren und Kalender gehen. Auch in diesem Kontext bleibt  mein Blog noch rot. Der Übertitel für die nächsten Tage lauten: „Zum Kuckuck: Flashmob, Firmung, Morgenröte“. Heute schreibe ich in der Morgenröte über die Morgenröte; die Sonne geht soeben auf. 
Wir sagen „die Sonne geht auf“ obwohl wir wissen, dass die Erde um die Sonne kreist: in Wirklichkeit „geht die Erde unter“ die Sonne, wenn wir sagen, die Sonne „geht auf“ - und zu – wie Ernst Jandl sprachspielerisch ergänzt hat.
So geben wir im alltäglichen Sprachgebrauch dem Schein (= Sonnenaufgang) den Vorzug vor der Wahrheit („Untergang“ der Erde).

Im Post über Benno Ohnesorgs Ermordung habe ich erwähnt, dass sich das „krumme Ding“ in der Krummen Gasse Nr. 66 (über 666 werden wir auch noch semiotisch reden müssen, auch: and get your kicks on route 66) zugetragen hat. Auch heute geht es um Namen.
Von den vermutlich Tausenden Panzerkreuzern der sieben Weltmeere sind nur zwei global berühmt/berüchtigt geworden und geblieben: die Potjemkin (Schiffe sind weiblich) und die Aurora
Aurora ist – es könnte nicht schöner sein - die Göttin der Morgenröte, Aurora ist auch der Name des Kreuzers, der in der Nacht zum 7. November 1917 mit einem Schuss das Zeichen für den Sturm auf das Winterpalais in Sankt Petersburg gegeben hat. Mit diesem Signal (Mander, ‚s isch Zeit! – darf man Andreas Hofer und Trotzki in einem Atemzug erwähnen?) begann der Legende nach die russische Oktoberrevolution.

Welcher Name als Aurora (Morgenröte) könnte besser zu diesem Ereignis passen? Tatsächlich wurde der „zeichengebende“ Panzerkreuzer jedoch – wenn man wikipedia trauen darf – schon beim Stapellauf im Mai 1900 auf den symbolisch aufgeladenen Namen Aurora getauft, lange bevor die Morgenröte den Startschuss für die rote Revolution geben sollte.

Dass die 1917er-Revolution Oktoberrevolution genannt wird, obwohl das Winterpalais nach unserem Kalender erst im November erstürmt wurde, hängt mit dem Unterschied zwischen dem Julianischen (von Julius Caesar) und dem Gregorianischen (nach Papst Gregor XIII) Kalendersystem zusammen: „Bei uns“(Ich assoziiere "Gott-sei-bei-uns" - wieder ein Thema für einen Post) ist schon November, wenn „bei den Russen“ noch Oktober ist. Wir werden alljährlich an diese Differenz erinnert, wenn uns die Medien am 7. Jänner darauf hinweisen, dass nun auch „die Russen“ Weihnachten feiern, weil bei ihnen erst der 25. Dezember ist. So wird Weihachten zur Eselsbrücke für den Termin der Oktober/Novemberrevolution.

Singing Songs and Carrying Signs



Singing Songs and Carrying Signs: weiter im semiotischen Kontext von Verkehr =Politik und zurück zur Frage Why don’t we do it in the road?
Haben Sie schon einmal über die Herkunft des Wortes Demonstration nachgedacht? Über den Zusammengang zwischen der Demonstration und der Monstranz? Dem Monströsen? Immer geht es ums Zeigen und Zeichen setzen: wer die Macht hat, setzt die Zeichen. Wer die Zeige/Zeichen-Macht hat, will verhindern, dass Zeichen gesetzt werden, die diese Macht untergraben: Singing Songs and Carrying Signs, Stephen Stills hat die Stimmung einer (noch friedlichen) Demonstration perfekt eingefangen.

Geht die Zeige/Zeichen-Macht vom Volk (Grundgesetz: Volkssouveränität) oder von den Gewehrläufen aus, wie Mao sagte? (Dazu auch mein früherer Post über Mao und die rote Ampel sowie der Post über die Baader-Meinhof-Bande/Rote Armee Fraktion.)

Horst Mahler, in den 60er-Jahren eine zentrale Figur der radikalen Linken, heute ein Rechtsradikaler (auch dazu Baader-Meinhof-Bande/Braune Mörder Bande in meinem letzen Post) hatte für die politischen Pamphlete über den bewaffneten Kampf den Titel Die neue Straßenverkehrsordnung gewählt, weil die Westberliner Obrigkeit mit dem Hinweis auf die geltende Straßenverkehrsordnung Demonstrationsverbote ausgesprochen hatte. Ein Demonstrationsverbot verbietet es den Massen, sich und ihre Zeichen zu zeigen.
Was ist die kleinste Einheit einer Demonstration? Sind drei Leute, die auf dem Gehsteig zusammenstehen (statt, wie der Gehsteig es verlangt: gehen) schon eine Demonstration? Ein Auflauf? Eine Zusammenrottung? Die bundesdeutsche Polizeigewerkschaft, die in den 60er-Jahren Teil der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) war, hatte sich immer wieder in die verkehrs-politischen Diskussionen um Demonstrationsverbote eingeschaltet.

Der Polizist Karl-Heinz Kurras hat den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 bei der Demonstration gegen den Schah erschossen. Angeblich aus Notwehr, wie ich in meinem letzten Post geschrieben habe, - in den Hinterkopf, wie wir heute wissen. Am 3. Juni 1967 wurde in Berlin darauf hin ein generelles Demonstrationsverbot erlassen: Why don’t we do it in the road? – weil es verboten ist. Aber wenn doch die Macht vom Volk ausgeht und nicht von den Gewehrläufen?
Singing Songs and Carrying Signs? - wer kann (uns) das verbieten? 
Die Frage nach der Versammlungs - und Demonstrationsfreiheit beschäftigte bundesdeutsche Verwaltungsgerichte, Politik und Medien über Monate. In den konservativen Medien wurde das Verbot oft mit dem Hinweis darauf entideologisiert, dass Demonstrationen eine „Verkehrsbehinderung“ seien. So schrieb z.B. die Berliner Morgenpost am 24. Oktober 1967 unter der Schlagzeile „Sperrbezirk für Demonstrationen.“
„In den zuständigen Senatsbehörden wird jetzt vor allem darüber beraten, wie die Behinderung des Fahrzeugverkehrs in der City durch jugendliche Randalier vermieden werden kann.“ – so als wäre die Verkehrsbehinderung das Hauptproblem gewesen.
Demonstranten, jugendliche Randalierer, Verkehrbehinderung. In diesem Kontext wird klar, wieso Horst Mahler eine neue Straßenverkehrsordnung fordert. Zum Abschluss dieses Themenkreises noch einmal Buffalo Springfield:
What a field-day for the heat /A thousand people in the street
Singing songs and carrying SIGNS /Mostly say, "hooray for our side!"
It’s time we STOP....(Fortsetzung folgt).

Mittwoch, 17. Oktober 2012

nomen est omen


Im Jänner 1967 veröffentlichte die amerikanische Folk-Rock Band Buffalo Springfield, zu der die späteren Superstars Neil Young und Stephen Stills gehörten, ein Lied, das Stephen Stills geschrieben hatte. Musikalisch ist der Song ein Ohrwurm, der Text beschreibt eine Straßenszene, die ein halbes Jahr später in Berlin Wirklichkeit werden sollte:

There's something happening here
What it is ain't exactly clear
There's a man with a gun over there
Telling me I got to beware.

Dann setzt der Refrain ein: It’s time we stop, children...
So kommen wir nochmals zur Ampel, zu ROT, zum STOP und zur Straße. Schon sind wir mitten im Straßenkampf, der mit der alten Straßenverkehrsordnung verhindert und Horst Mahles neuer Straßenverkehrsordnung (dazu der nächste Post) herbeigeführt werden sollte. Gehen wir zuerst Stephen Stills Lyrics der Reihe nach durch.

There's something happening here: gegen den Staatsbesuch von Schah Reza Pahlewi in der BRD findet in Berlin im Jahre 1967 eine Demonstration statt. Der Schah will sich – ausgerechnet – die Zauberflöte ansehen. Das klingt nach ganz billiger Politkrimi pulp fiction, ist aber die Wahrheit: der Tyrann will sich im Theater mit Mozarts märchenhafter Freiheitsoper amüsieren, geschützt von der Polizei eines demokratischen Landes, während draußen vor der Tür (Vgl. Borchert 1947) die Opposition und die geflüchteten/vertriebenen Perser demonstrieren.

What it is ain't exactly clear: bis heute ist nicht ganz geklärt, wie die Sache außer Kontrolle geriet. Prügeln die Agenten des Schahs zuerst auf die Demonstranten ein, wenden die Exilperser zuerst Gewalt an? Wer hat den ersten Stein geworfen?

There’s a man with a gun over there: die Polizei zerstreut die Demonstration, wie es euphemistisch heißt. Die DemonstrantInnen werden in enge Gassen gedrängt und bis in Hinterhöfe verfolgt. Benno Ohnesorg (was für ein schöner sprechender Name Ohne-Sorgen) ist einer der Demonstranten; es heißt, es war seine allererste politische Demonstration; es sollte auch seine letzte sein. Mehr zur Etymologie von polis und demonstrare auch in einem der folgenden Posts.

Telling me I got to beware: Angeblich hat die Polizei Benno Ohnesorg gewarnt. Angeblich hat Ohnesorg nicht auf die Warnungen der Polizei gehört. Angeblich ist das der Grund, warum der Polizist Karl-Heinz Kurras ( man with a gun over there) den Benno Ohnesorg in Notwehr erschießen musste. All diese Angaben sind umstritten. Was ursprünglich als Unfall und Notwehr ausgegeben wurde, gilt heute als geplanter Mordanschlag. Ein krummes Ding, das am passenden Ort passierte: Krumme Straße 66, die Adresse passt so genau, dass man auch sie für eine falsche Angabe oder eine pulp fiction Erfindung halten könnte. 

Der Schütze Kurras ist selbst eine äußerst zwielichtige Figur; in zwei Prozessen wurde er freigesprochen, immer wieder tauchen neue Fakten/Lügen auf. Die genauen Umstände der Tat sind noch immer unklar, das genaue Datum ist jedoch berühmt/berüchtigt geworden: 2. Juni 1967.  
So kommen wir von Benno Ohnesorg zur grundlegenden Definition eines Zeichens, die direkt vom Meister C.S.Peirce selbst stammt: Ein Zeichen ist etwas, das, in irgendeiner Hinsicht, für jemanden für etwas anderes steht. Eine militante Stadtguerilla-Gruppe setzt Ohnesorg ein Denkmal und ein Zeichen, indem sie seinen Todestag als Kampfnamen annimmt: Bewegung 2. Juni.
„Dieses Datum wird immer darauf hinweisen, daß sie(die Polizei) zuerst geschossen haben! Das ist bis zum heutigen Tag so“, sagen Ralf Reinders und Ronald Fritzsch in ihrem Buch Die Bewegung 2.Juni (ID-Archiv, 1995, S. 7.). 
Wie gesagt, die Fakten sind umstritten. Hinter der Frage „Wer hat den ersten Stein geworfen?“ blitzt jedoch zweifellos das (nicht nur re-bellische) Rachedenken auf: Zurückschlagen, Gleiches mit Gleichem vergelten, Auge umd Auge, Zahn um Zahn. Davon ausgehend führt ein direkter Weg zum alten System der Spiegelsstrafen: dem Dieb wird die Hand abgehackt, dem Lästerer die Zunge herausgerissen, der Körper wird so zum Zeichenträger, die Strafe semiotisch lesbar. Auch dazu in einem späteren Post mehr.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Politische Semiotik: Rote Armee Fraktion vs. Braune Mörder Bande


Heute führt uns der semiotische Spaziergang von Maos Roter Ampel zu Horst Mahlers Versuch einer neuen Straßenverkehrsordnung. Dabei machen wir allerdings einen Umweg, bei dem wir einen semantischen Blick auf die Rote Armee Fraktion werfen. Die folgende Geschichte, der ich nicht ganz traue, habe ich im Sammelband Die ALTE Straßenverkehrsordnung (Hervorh. von mir) gelesen. Sie wäre ein wunderbares Beispiel für eine geglückte Täuschung (ein semiotisches Manöver, wie wir sehen werden), wenn sie wahr wäre. Ich kann mir aus heutiger Sicht jedoch kaum vorstellen, dass in den 60er-Jahren die Journalisten und Justizkreise tatsächlich so naiv waren, wie sie im folgenden Text erscheinen. Andererseits hatten sie damals noch wenig Erfahrung mit der subversiven Phantasie der Stadtguerilla:

„Am 24.7.1971 meldete die Frankfurter Rundschau unter Berufung auf Justizkreise einen spektakulären Fall gelungener Resozialisierung. Der Untersuchungsgefangene Horst Mahler, ließen die Ermittlungsbehörden verlauten, habe in der Haft ein 70-seitiges „Verkehrsrecht- und Verkehrsaufklärungsheft“ geschrieben, welches nun unter dem Titel Die neue Straßenverkehrsordnung in linken Buchhandlungen verkauft werde.“ 
( Zit. nach: W. Pohrt, K. Hartung, G. Goettle, Kollektiv RAF, Die alte Straßenverkehrsordnung, 1987, S.5).
Wenig später wurde dieses Buch beschlagnahmt, weil man erkannt hatte, dass unter dem Titel Die NEUE Straßenverkehrsordnung (Hervorh. von mir) eine neue revolutionäre Weltordnung propagiert wurde. Interessant, wie sehr der an sich neutrale Begriff NWO fast ausschließlich mit George Bush und den Rechten assoziiert wird. Die NEUE Straßenverkehrsordnung, von der hier die Rede ist, enthielt Texte der Roten Armee Fraktion, in denen sie zum bewaffneten Kampf in Westeuropa aufrief.

Der Diskurs der und über die RAF ist ein vielschichtiges Beispiel für die Feinheiten politischer Semiotik. In der bürgerlichen Presse ist diese Gruppe, um einen möglichst neutralen Ausdruck zu verwenden, generell als „Baader-Meinhof-Bande“ bezeichnet worden, um damit ihren illegalen und kriminellen Charakter als Räuber- und Mörderbande zu betonen. Zugleich waren die Eigennamen ein Zeichen dafür, dass es sich dabei um individuelle Kriminelle handle und nicht um eine breite Bewegung.
Sich selbst sah die Gruppe hingegen als Rote Armee Fraktion, um ihre Gewalt historisch zu legitimieren und die ideologischen Blutsbande zur revolutionären Roten Armee Russlands im Namen herauszustellen. Wie stark dieser Name und die damit verbundenen politischen Farbcodes sind, merkt man, wenn man die RAF (und ich spreche hier nicht von der Royal Air Force) umfärbt: Himmelblaue, Lindgrüne, Braune oder Weiße Armee Fraktion generieren jeweils unterschiedliche Assoziationen; BAF – Braune Armee Fraktion lässt an den in den 60er-Jahren von Jürgen Habermas wiederbelebten Begriff des „linken Faschismus“ denken,
WAF – Weiße Armee Fraktion hätte sofort auf einen arisch-rassistischen oder zumindest konservativen Charakter schließen lassen, die „Weißen“ in Russland waren für den reaktionären Terror verantwortlich, die Weißen Suprematisten sind davon überzeugt, die bleiche Rasse wäre allen anderen überlegen. So viel zu weiß als Farbe der Unschuld.

Der Begriff Armee im Namen der Gruppe/Bande ist zugleich Drohgebärde und Versuch, die eigenen Aktionen zu legitimieren: Nur Armeen und Scharfrichter dürfen per definitionem töten. Das ist so „normal“, dass der Widerspruch „Soldaten sind Mörder“ (Tucholsky 1931) sofort die Gerichte auf den Plan ruft. 
Andererseits bedeutet „Armee“ – von lat. arma im Wortsinn zuerst nichts anderes als „bewaffnet“, „bewehrt“, „gerüstet“, womit die RAF auf das Recht/die Pflicht zum bewaffneten Kampf hinweist. Wenn man semantisch hellhörig ist, dann bemerkt man den feinen Unterschied zwischen bewaffnet und bewehrt: Staaten sprechen von Wehrpflicht, Armeen werden Wehrmacht oder Bundeswehr genannt, so als wären sie nur für Verteidigungskriege (= sich wehren) gedacht. Auf das dazu assoziativ sich mir aufdrängende gepanzerte Gürteltier = Armadillo komme ich im Zusammenhang mit der Vampirsemiotik noch zu sprechen: in einem Post, in dem Armadillos und die RAF gemeinsam eine Rolle spielen werden.
Gleichzeitig ist der Name Rote ARMEE Fraktion eine bewusste Provokation, weil zumindest im damaligen Westeuropa nur Staaten Armeen haben durften; a language is a dialect with an army and a navy.

Das Fraktion in der Roten Armee Fraktion spiegelt den Versuch, sich selbst als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen bzw. als Teil eines Ganzen (der revolutionären Massen) zu erscheinen. Lateinisch frangere bedeutet zerbrechen, die Fraktion ist daher ein Bruchteil, eine kleinere Gruppe, etwas Zusammengehöriges, die Avantgarde.
Fünfunddreißig Jahre nach der sogenannten Todesnacht von Stammheim spüre ich als Zeitzeuge beim Schreiben dieses semiotischen Tagebucheintrags noch immer, welche Sprengkraft diese Gegenüberstellungen auch heute noch haben: Rote Armee Faktion statt Baader-Meinhof oder Braune Mörder Bande. Daran sollten wir immer denken, wenn wir zwischen Regierung oder Regime (sprachlich=semantisch) wählen, zwischen Freedom Fightern oder Terroristen, zwischen Aggression und Rebellion (Re-Bell- ion / Bella gerant alii) - um es am Ende noch komplizierter zu machen.

Montag, 15. Oktober 2012

Red Revolutions per Minute


Ich glaube, mich an eine symbolisch höchst aufgeladene Verkehrsampel-Szene aus Bernardo Bertoluccis Film Der letzte Kaiser (1987) zu erinnern, in dem er den Lebensweg von Puyi nachzeichnet, dem letzten Kaiser von China, der 1908 an die Macht kam. 
In dieser Szene warten Arbeiter(=die revolutionären Massen)  mit Fahrrädern vor einer Verkehrsampel. Die Ampel zeigt grün, die Arbeiter rühren sich nicht von der Stelle. Erst als die Ampel auf rot springt, schwingen sie sich auf ihre Räder und fahren los: das ist Revolution! 
Das Internet ist voll mit Gerüchten und Geschichten zu dieser Szene, ich wollte jedoch sicher wissen, ob dieser Filmausschnitt nur ein cineastisch-semiotisches Spiel ist oder ob er auf einer wahren Begebenheit beruht. Es wäre naheliegend, dass das kommunistische China nach der roten Revolution versucht hätte, das westliche Verkehrsampelsystem auf den Kopf zu stellen (oder auf die Füße, wie Marx gesagt hätte). Die Farbe Rot ist die Farbe des Kommunismus, der aufgehenden Sonne, des gesellschaftlichen Fortschritts, aber auch das traditionelle Glückssymbol Chinas. Daher wäre es aus der Sicht der Revolution (=Umdrehung, vgl. rpm = Revolutions per Minute) nur logisch, dass sich die Räder bei „rot“ drehen, anstatt stehen zu bleiben.

Dank Harvey Dzodin in Beijing bin ich auf die richtige Spur gekommen: tatsächlich hat es im revolutionären Eifer an der Spitze der Partei Diskussionen über die Verkehrsampeln gegeben; die Partei wollte den sogenannten „großen Sprung nach vorne“ und die „Umwertung aller Werte“ (Nietzsche und Mao in einem Satz sind doppelt gefährlich), um die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum revolutionären Paradies radikal zu verkürzen. Angeblich hatte man sich schon für die revolutionäre Regel Rot = Fortschritt = Fahren entschieden, als der Premierminister Tschou en Lai (Zhou Enlai) sich doch noch mit dem entscheidenden Argument durchsetzt, dass es viel besser wäre, weiterhin bei rot anzuhalten, weil man damit den Respekt vor der kommunistischen Partei zum Ausdruck bringt. Strammstehen statt Umdrehungen. 
Seither denke ich immer an die Kommunistische Partei, wenn ich vor einer roten Ampel stehe. Und an die Grünen, wenn ich im im Stau stecke - obwohl die Ampel grün zeigt.



Sonntag, 14. Oktober 2012

Kultur und Natur: Delirien und Physiologie


Ich lasse mich noch immer vom Verkehrsstrom treiben und nehme heute die Verkehrsampel beim Wort: die Griechen sagen Sematodhotes, weil diese Vorrichtung ein „semeion“ (= Zeichen, daher auch: Semiotik) gibt, auf Italienisch heißt die rote Ampel semaforo rosso, der rote Zeichenträger, was sich auch auf „semeion“ sowie auf das ebenfalls griechische „pherein“ (= tragen vgl. Amphore = Gefäß) zurückführen lässt. 
Spätestens jetzt sollte jedem Christopher und Christof bewusst geworden sein, wen er im Namen und symbolisch auf der Schulter trägt.
Dass die Engländer cool traffic light sagen und die Franzosen feurig feu, habe ich schon erwähnt. Ich vermute, dass man das Französische feu bis zu einer griechischen Amphore zurückverfolgen kann, die mit Öl gefüllt war: eine Amphore ist als Gefäß ein „Inhaltsträger“ (pherein). Wenn man sie mit Öl füllt, das man entzündet, wird sie zur Öllampe oder eben zum Signalfeuer. Feuer und Rot, feuerrot assoziieren wir intuitiv mit Blut und Gefahr, wenn wir rot sehen, sehen wir rot!

Man darf trotz aller assoziativen Codes und etymologischen Delirien nicht vergessen, dass auch wahrnehmungs-physiologische Gründe dafür sprechen, Rot und Grün als Signalfarbe zu verwenden. Sehen ist ein äußerst komplexes Phänomen, daher kann ich hier kaum mehr als Andeutungen geben:
a) Unser Rot/Grünsystem arbeitet offenbar besonders schnell, schneller als z.B. das Blau/Gelb-System.
b) Rot sticht aus der natürlichen Umgebung besonders hervor, so als wäre das menschliche Auge darauf programmiert, Rot besonders gut zu erkennen.
c) Obwohl wir rasch und empfindlich auf Rot reagieren, werden wir davon nicht geblendet. Deswegen ist z.B. die Kabinenbeleuchtung für die Navigation auf Schiffen rot. So kann man die Instrumente und Karten lesen und ist nicht völlig nachblind, wenn man dann aufs dunkle Meer hinausschaut.

Man hätte theoretisch auch Himmelblau oder Hellrosa oder Pink/Gelb -gestreift für die Bedeutung „STOP“ in Verkehrsampeln verwenden können, aber man müsste dafür einige Wahrnehmungs- und Assoziations-Nachteile in Kauf nehmen oder sich wie Rot-Grün-Sehschwache an anderen Kriterien (Position des Signals) orientieren. 
Die Verkehrsampel, wie wir sie kennen, erscheint nach diesen Überlegungen als gelungene Verbindung von Kultur und Natur. Das macht die Versuche, dieses Signal-System auf dem Kopf zu stellen (hellörige assoziieren hier schon Karl Marxens Programm, Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen) besonders faszinierend. Dazu mehr im Montag-Mao-Post.

Samstag, 13. Oktober 2012

Schön Rot und ganz schön Blau


Mein letzter Post hat mit den Beatles geendet: Why don’t we do it in the road? Bleiben wir im semiotischen Tagebuch bei Straßen und Plätzen. Die rote Laterne baumelt vor Bordellen im Rotlichtviertel, das ist ein kultureller und physiologischer Code.  Der Letzte des härtesten Straßenrennens der Welt, der Tour de France, trägt eine rote Laterne mit Stolz; die Tour/Tortour ist eine der wenigen Sportveranstaltungen, bei der man den Schwächsten als den gerade noch Stärksten der allzu Schwachen feiert. All diese Rot-Codes kennen wir auswendig by heart (einem roten Organ), wie die Engländer viel schöner sagen. 

Offensichtlich ist rot/STOP emotional stärker aufgeladen als grün/GO: Blutrot, Feuerrot, Scharlachrot, Rot vor Wut.
Grün ist vergleichsweise harmlos: Lindgrün, Suppengrün, die kleinen grünen Männchen. 

Bei Stephen Pinker liest man, dass in archaischen Gesellschaften, in denen das Farbspektrum sprachlich nur sehr grob abgebildet wird, Rot die dominierende Rolle spielt. Wenn archaische Sprachen zusätzlich zu HELL und DUNKEL überhaupt ein Farbwort haben, dann ist es ROT! Im Russischen krasnyj klingt die Faszination, die das schöne Rot als Farbe aller Farben ausstrahlt, etymologisch noch nach: krasnyj  hieß schön und rot. Krasnaja Ploschtschad, der Rote Platz in Moskau, war schon im 17. Jahrhundert ein schöner Platz, bevor er mit dem Roten Oktober ein Roter Platz wurde.

P.S.: Zur roten Tuch: Stiere sind farbenblind. 
P.P.S: Ich spreche nicht vom Sternzeichen.
Im nächsten Post (dem Wort zum Sonntag) werde ich die Ampel beim Wort nehmen.