Dienstag, 15. April 2014

Cancel my subscription to the resurrection!

Ostern ist das Fest der Auferstehung. Dieses Fest ist grün - grün wie der Doppelpunkt.
Bekanntlich ist Grün die Farbe der Hoffnung, des Frühlings, des Erwachens, des Kommenden, des jungen sich noch Entwickelnden: der Grünschnabel ist grün hinter den Ohren.
Im Islam ist Grün die Lieblingsfarbe des Propheten und symbolisch aufgeladen wie im Christentum: im Paradies erwarten die Gläubigen grüne Felder und Wälder, in der Hölle ist es rotglühend heiß - und blutrot sowieso.

Es verwundert nicht, dass Grün im christlichen Kontext die Farbe der Auferstehung und damit die Osterfarbe schlechthin ist. Think: Gründonnerstag! Der überkonfessionelle bio- und mythologische Hintergrund der Farbe Grün erklärt auch, warum laut Adorno, der mit der Auferstehung bekanntlich nichts am Hut hat, der Doppelpunkt nicht anders als grün sein kann.
In seinem Text über Satzzeichen (Akzente, 1956) schlägt Adorno eine scheinbar  synästhetische Wahrnehmung der Interpunktion vor: „ Ausrufungszeichen sind rot, Doppelpunkte sind grün (...).“ Aber natürlich bietet Adorno im Handumdrehen eine materialistische Einsicht: "Alle (Satzzeichen) sind Verkehrssignale, am Ende wurden diese ihnen nachgebildet." Während das rote Rufzeichen „Achtung!" schreit, fordert der grüne Doppelpunkt die LeserInnen zum weiterlesen auf: freie Fahrt der Gedanken. Wie in einem früheren Post bereits ausgeführt, hat der Maoismus versucht, diesen Verkehrsampel-Code aufzubrechen, weil schließlich Rot die Farbe der Revolution sei; im Maoistischen Denken musste der Doppelpunkt daher rot statt grün sein.

Das Vergnügen, Adorno zu lesen speist sich nicht zuletzt aus Schadenfreude daran, dass in Adornos  dialektisch-materialistischen Einsichten seine Lust am Form- und Fabulieren mit ihm durchgeht, sodaß man sein wildes Denken unter der unerbittlichen Analyse der Sache, um oder gegen die er kämpft, genießen kann.
In seinem Satzzeichen-Text vergleicht Adorno z.B. Fragezeichen mit einem "Augenaufschlag"; ein Semikolon hat für ihn starken "Wildgeschmack“ und über Gänsefüßchen lästert er im Stabreim: „Dummschlau und selbstzufrieden lecken sich die Anführungszeichen die Lippen“. 

Achtung! Versuchen Sie zu vergessen, was sie soeben gelesen haben, sonst werden Sie nie wieder selbst ein Wort "zitieren" oder in einem fremden Text ein Zitat in Anführungszeichen lesen können, ohne an "Dummschlau leckende Lippen" zu denken!!!!!!!
Ist Ihnen bei Streifzügen in Adorno-Texten je ein Rufzeichen untergekommen? Eigentlich sollte (Ihnen/ihm) das nicht passiert sein, denn  Ausrufungszeichen sind nach Adorno "drohend gehobene Zeigefinger" und in aufgeklärten Zeiten "unerträglich geworden als Gebärde der Autorität, mit der der Schriftsteller von außen her einen Nachdruck zu setzen versucht, den die Sache nicht selbst ausübt“ - und einen erhobenen Zeigefinger hat Adorno nie nötig.

P.S: Die anti-österliche Zeile "cancel my subscription to the resurrection" stammt von den Doors (When the Music's Over), Adorno hätte Jim Morrisons Absage an die Auferstehung zugestimmt, der Musik der Doors wäre er jedoch ganz bestimmt nicht grün gewesen.